Wolfgang Scharrnbeck, Kapitän der „Münsterland“

Wolfgang Scharrnbeck, Kapitän der „Münsterland“: Sein Schiff musste mehr als acht Jahre auf die Rückkehr nach Hause warten. Foto: Florian Quandt

Erschütternd, was Seeleute im Krieg mitmachen

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Seeleute der Moderne haben etwas gemeinsam mit Sisyphos, einer Figur der alten griechischen Mythologie, die auf ewig einen Felsklotz den Berg hinaufrollen muss, der dann immer wieder zurück ins Tal kullert. Wenig Ertrag, viel Arbeit und ein Ende der Steinrollerei nicht in Sicht.

Sie leiden nicht nur unter der Trennung von ihrem privaten Umfeld, unter Stress in den Häfen und Stürmen auf See, sondern müssen auch mit anderen Ausnahmesituationen klarkommen. Piraten vor der West- und Ostküste Afrikas. Verzweifelte und traumatisierende Rettungsaktionen im Mittelmeer. Fahrten in Seegebiete, in denen ein Krieg ausbricht.

25 Schiffe von sieben deutschen Reedereien liegen derzeit im Persischen Golf fest und damit in einer Falle, denn die Straße von Hormus, eine nur knapp 20 Seemeilen schmale Meerenge, wird von den iranischen Revolutionsgarden blockiert. Ein General kündigte an, jedes Schiff „in Brand setzen“ zu wollen, wenn es die Passage riskiert.

Die „Münsterland“ lag nach dem Ausbruch des Sechstagekrieges im Suezkanal fest. Florian Quandt
Die „Münsterland“
Die „Münsterland“ lag nach dem Ausbruch des Sechstagekrieges im Suezkanal fest.

Die Welt schaut auf die Kreuzfahrtschiffe, deren Passagiere zum Vergnügen unterwegs waren und nun in den Häfen festliegen, aber nicht auf die Seeleute, die unserer Welt die Waren bringen. Wie erleben sie diese Zeit? Sie halten sich im Schiffsinneren auf und fern von den Decks. Sie kommunizieren über das Internet, sofern verfügbar, mit ihren Familien und Freunden, die sich Sorgen machen. Sie können nichts tun als abzuwarten. Aufgabe der Offiziere ist es, die Stimmung einigermaßen hochzuhalten. Ein Nervenspiel.

Jahrelang festgesetzt im Suezkanal

Ich erinnere mich an Kapitän Wolfgang Scharrnbeck, eine Legende der Reederei Hapag-Lloyd. Er steckte mit seinem Schiff, der „Münsterland“, nach dem Ausbruch des Sechstagekriegs zwischen Ägypten und Israel auf dem Großen Bittersee fest, einer Passierstelle im Suezkanal. Mehrere Schiffe aus mehreren Ländern waren gefangen.


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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Woche um Woche verging, Monat um Monat. „Unser größter Gegner war die Monotonie“, erzählte mir Scharrnbeck. Die Seeleute hielten sich mit Skat-Turnieren, Regatten auf Rettungsbooten und Fußballturnieren bei Laune. Sie angelten. Sie komponierten eine Hymne für die eingeschlossenen Schiffe und entwarfen eine eigene Briefmarke (die von den ägyptischen Zensoren abgestempelt wurde und heute enorm wertvoll sein soll).

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Scharrnbeck motivierte seine Mannschaft, indem er bei den Behörden beantragte, das Schiff einmal im Monat bewegen zu dürfen. Er fuhr nur im Kreis, meinte aber, es sei für die Psyche wichtig gewesen. Nach sieben Monaten an Bord wurde er abgelöst. Die „Münsterland“ kam am 24. Mai 1975 nach Hamburg zurück, unter dem Jubel von Zehntausenden an den Ufern der Elbe und auf den Landungsbrücken von St. Pauli. Deutsche Schiffe waren die einzigen, die aus eigener Kraft ihre Heimathäfen ansteuern konnten. Die Blockade hatte für den Hamburger Frachter acht Jahre, drei Monate und fünf Tage gedauert.

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