Die vielleicht schönste Nikolausgeschichte
Einer der schlimmsten, weil emotionalsten „Kackstürme“, der mir in den sozialen Medien um die Ohren flog, begann an einem Nikolaustag an einem Strand der Niederlande. Wir waren mit der Familie in Noordwijk, einem Seebad an der Nordsee, als Sinterklaas auf einem Boot der Seenotretter mit allerhand Pyrotechnik anlandete.
Nun muss man wissen, dass der Nikolaustag in den Niederlanden fast bedeutsamer ist als Weihnachten. Und dass der Nikolaus seit dem 19. Jahrhundert vom „Zwarten Piet“ begleitet wird, einem schwarzen Helfer. Ursprünglich eine Schreckfigur niederländischer Folklore, wandelte er sich zum freundlichen Lieferanten von Süßigkeiten.
So war es auch am Strand, und ich dachte mir nichts dabei, bei Facebook ein Foto der Bonbonausgabe an Kinder zu posten. Dass der „Zwarte Piet“ ein übertrieben schwarz geschminkter Weißer war, ja, klar, das fiel mir auf, aber weil sich niemand am Strand daran störte, weder die Kinder, die Erwachsenen, noch eine schwarze Frau auf meinem Foto, störte es mich auch nicht.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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Ich steckte das Handy weg, machte es aus und erst in Hamburg wieder an – und stellte fest, dass die Kommentarspalte regelrecht explodierte. Wut, Wut, so viel Wut: Ich unterstütze „Blackfacing“, sei ein verkappter Rassist, ohnehin das Allerletzte. Aktivistische Schlaumeier schrieben mir einen „offenen Brief“ darüber, dass ich „nichts verstanden“ hätte. Wie das dann so ist.
Die schönste Nikolausgeschichte 2025 – vom Streit zur Verständigung
Nun lese ich, dass sich in den Niederlanden die Protestgruppe „Kick Out Zwarte Piet“, die lange gegen den Brauch kämpfte, aufgelöst hat. Im Nachbarland wurde wegen des Themas gestritten, bis Morddrohungen verteilt und Autobahnen blockiert wurden. Als Stimmen lauter wurden, den „Zwarten Piet“ als Brauch abzuschaffen, sprachen sich bei einer Umfrage 92 Prozent dagegen aus. Der Rechtspopulist Geert Wilders nutzte die Stimmung für seine Wahlwerbung.
Warum löst sich die Protestgruppe nun auf? „Unser Ziel ist erreicht“, sagt Gründer Jerry Afriyie, der als Kind aus Ghana in die Niederlande kam. Jahrelang suchte er das Gespräch mit Organisatoren von Sinterklaas-Feiern, erklärte, was ihn störte, und erarbeitete neue Kriterien: keine Perücken mehr mit krausen Locken, keine Stereotype, nur ein paar Tupfer Russ auf den Wangen. „Wir haben einander zugehört“, erklärt ein Organisator der Gemeinde Zaandam der Zeitung ,NRC Handelsblad‘. „Er hatte einfach einen Punkt.“
Nach anderthalb Jahrzehnten macht Afriyie, Mitte 40, zufrieden Schluss. Anfangs bezog er Prügel, am Ende spürte er Verständnis. „Es ist schon seit Jahren kein Schwarzer Piet mehr im Fernsehen zu sehen“, sagt er. Mission erfüllt. Weil nicht mehr gebrüllt und gewütet, sondern aufeinander zugegangen wurde.
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Für mich die schönste Nikolausgeschichte 2025.
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