Elphi im Nebel

Die Elphi im Hamburger Nebel. Gonger sind auf diesem Foto allerdings keine zu erkennen. Foto: Ankerherz

Die ollen Gonger von der AfD

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Laut einer Studie sehnt sich aktuell jeder dritte Ostdeutsche nach einer „Einheitspartei“ und jeder vierte ist offen für eine Diktatur. Was vielleicht erklärt, warum eine völkische Sekte Zulauf hat, deren führender Politiker klingen möchte wie ein schlechter Imitator von Joseph Goebbels.

Auf eine Weise droht uns eine Zeit der „Gonger“. So nennt man in der Sagenwelt der norddeutschen Inseln Wiedergänger. Untote, die nicht ruhen und loslassen können und ein spätes Comeback anstreben.

Eine der bekanntesten Erzählungen spielt auf Sylt und handelt von einem Schiffer, der mit beiden Söhnen in die Niederlande segeln wollte. Der jüngste Sohn hatte ein ungutes Gefühl und bat seine Mutter, ihn zurückzuhalten – doch der Vater bestand auf der Reise. „Denket an mich, wenn ihr über diese Steine geht“, soll der Junge gesagt haben.

Das Meer verschluckt Menschen ohne Abschied

Noch in derselben Nacht kam es zum Unglück auf See. Die Schwester des Schiffers, die im selben Haus lebte, fand am Morgen drei Blutstropfen auf einem Brusttuch, das sie über Nacht ausgelegt hatte. Für sie war das Zeichen eindeutig: Die Toten waren zurückgekehrt.

Solche Motive finden sich in vielen norddeutschen Seefahrersagen. Das Meer verschluckt Menschen ohne Abschied; der Gonger dient als Erklärung für das Unbegreifliche. Historiker sehen darin auch eine Form von Trauerarbeit.


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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In Zeiten ohne Funkgeräte, Seenotrettung und Nachrichten mussten Familien oft Wochen oder Monate warten, bis Gewissheit über ein Unglück bestand. Wenn die See den Leichnam nicht freigab, war der Schmerz besonders intensiv. Die Vorstellung eines nächtlichen Besuchers half den Angehörigen, den Verlust zu verarbeiten.

Gonger-Geschichten laufen nach ähnlichen Mustern ab: Meist erschienen sie in der nassen Kleidung, in der sie ertrunken waren. Sie ließen eine Spur von Salzwasserflecken zurück, löschten beim Nachbarn das Licht oder legten sich kurz mit ins Bett. Als sei das noch nicht gruselig genug, gibt es auf Sylt auch Überlieferungen, dass manche Gonger zwei oder drei Generationen übersprangen und die Nachkommen heimsuchten.

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Nicht alle Gonger waren beruflich auf See; auch Gotteslästerer waren darunter, Menschen, die Landrechte verletzt und Grenzen illegal verschoben hatten. Wer einem Gonger die Hand reichte, so hieß es, dem könne sie verbrennen.

In der Popkultur fand der Gonger in den 1930er-Jahren Eingang, als der Autor Hugo Wolfgang Philipp das Theaterstück „Der Gonger kommt“ schrieb und aufführte. ProSieben drehte vor ein paar Jahren einen ziemlich erfolgreichen Mystery-Thriller mit dem rtl-igen Titel: „Gonger – Das Böse vergisst nie“.

Hoffen wir, dass ein solcher Film in diesem Jahr nicht in ostdeutschen Landtagen Premiere hat.

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