Die junge Tote in der Kreuzfahrtkabine
Für Kapitalverbrechen gibt es keinen besseren Tatort als ein Schiff auf hoher See. Weit draußen stören wenige Zeugen, die Leiche lässt sich einfach und gründlich im Meer beseitigen, und dann stellt sich noch die Frage nach der Zuständigkeit: Wer darf in internationalen Gewässern überhaupt ermitteln?
Ich kenne die Geschichte des Kapitäns Jonny Roggendorf aus Buxtehude, auf dessen Frachter der Maschinist einen Matrosen mit einem Kleinkalibergewehr hinrichtete. Zwölf Schüsse. Mitten auf dem Atlantik, im Suff, nach dem Streit um eine Party mit einer Hure.
Der Täter übergab die Waffe, wurde in seine Kammer gesperrt, war geständig – doch als das Schiff im kanadischen Hafen festmachte, fühlten sich die örtlichen Polizisten nicht zuständig. „Herr Kapitän, schön, Sie haben einen Mörder“, meinten sie, „aber unser Mörder ist das nicht.“ Roggendorf war noch viele Jahre später fassungslos, dass der Täter im Verfahren vor einem Hamburger Gericht mit einer geringen Strafe davonkam. Aus Mangel an Beweisen.
Mord auf dem Kreuzfahrtschiff: mysteriöser Tod einer 18 Jahre alten Passagierin
Morde auf Kreuzfahrtschiffen sind ein gerne verschwiegenes Geheimnis der Tourismusindustrie. Es wird immer mal seltsam gestorben an Bord, doch wie viele Morde geschehen, weiß niemand zu sagen. Knapp 40, wie manche Fachleute vermuten, oder doch mehr? Angesichts von mehr als 32 Millionen Passagieren jährlich wäre die Quote sehr gering.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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Ein aktueller Fall ist eindeutig. Der mysteriöse Tod einer 18 Jahre alten Passagierin an Bord des Kreuzfahrtschiffs „Carnival Horizon“ ist von den Ermittlungsbehörden nun offiziell als Mord eingestuft worden. Die junge Frau war vom Reinigungspersonal tot unter ihrem Bett entdeckt worden, eingewickelt in eine Decke und versteckt unter Rettungswesten.
Anna Kepner war mit ihrer Familie auf Reisen. Sie wird als fröhlicher Mensch beschrieben, eine gute Schülerin, Cheerleaderin, die nach der Highschool eine Laufbahn beim Militär anstrebte. Sie soll erstickt worden sein.
Tatort des Verbrechens: Anna Kepner starb in der Karibik
Das FBI hat übernommen, unter der „Special Maritime and Territorial Jurisdiction“, mit der Mörder auf hoher See eben nicht mehr davonkommen sollen. Die SMTJ erlaubt es Behörden wie dem FBI, der Coast Guard oder dem Department of Justice, Ermittlungen und Strafverfolgung aufzunehmen, wenn auf See etwas passiert, das sie sonst nicht ahnden könnten.
Das Verbrechen an Anna Kepner geschah in der Karibik, doch zu den Umständen wurden noch keine Details bekannt. Auf dem 323-Meter-Schiff – unterwegs auf einer Rundreise von Miami – befanden sich mehr als 3900 Passagiere. Zeitungen in Florida berichten, dass der Stiefbruder den Verdacht der FBI-Agenten auf sich gezogen haben soll.
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Wer auch immer den Mord verübte – entkommen wird dieser Täter wohl nicht.
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