Das traurige Schicksal der Jada Samitt
Am Boulevard der Hafenstadt Gloucester, Massachusetts, haben sie Tausenden toten Fischern ein Denkmal gesetzt. Die Statue zeigt einen Seemann, der hinter einem Steuerrad dem Sturm trotzt. „They that go down to the sea in ships“, steht auf dem Sockel, ein Bibelzitat, Psalm 107, Vers 23: „die mit Schiffen hinausfuhren aufs Meer“.
Tafeln aus Stein erinnern an jene, die im Laufe der Jahrhunderte auf See blieben. Nun kommen neun Namen hinzu. Sechs Fischer sind tot – und eine junge Fischereibeobachterin.

Das Fischereifahrzeug „Lily Jean“ ist auf dem kalten Atlantik gesunken, knapp 25 Seemeilen vor der Küste. Einsatzkräfte der Coast Guard fanden eine Leiche und eine leere Rettungsinsel, die in einem Trümmerfeld trieb.
Niemand weiß, warum die „Lily Jean“ sank
Niemand weiß, warum das 24 Meter lange Schiff sank. Wurde es von einer Monsterwelle getroffen? Was brachte das Schiff zum Kentern? Es muss schnell gegangen sein, denn es blieb der Crew nicht einmal die Zeit, ein Mayday abzusetzen. Ohne eine EPIRB-Notfallboje, die nach Wasserkontakt automatisch einen Alarm auslöste, hätte niemand vom Unglück erfahren.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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An Bord der „Lily Jean“ waren Männer, die seit Langem zur See fuhren wie Paul Beal sr. und sein Sohn Paul Beal jr. Die Familie des Skippers, Accursio „Gus“ Sanfilippo, lebt seit fünf Generationen von der Fischerei. Ein „Greenhorn“ war an Bord, eine Anfängerin, auf ihrer ersten Reise.
Jada Samitt (22) war Fischereibeobachterin
Jada Samitt (22) war Fischereibeobachterin der Behörde NOAA, die Fangmengen, Beifang und Abläufe dokumentiert. Eine Aufgabe zwischen wissenschaftlicher Arbeit, Kontrolle und praktischer Seefahrt. Man kann sich vorstellen, wie aufgeregt sie vor ihrer ersten Fangfahrt gewesen sein muss, kurz nach dem Abschluss an der University of Vermont.

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Diese Woche u.a. mit diesen Themen:
- Tod im Morgengrauen: Lkw überrollt Radfahrer († 63)
- Was alles teurer wird: Das kostet uns der Iran-Krieg
- Kind stirbt nach OP: Prozess gegen drei Hamburger Ärzte
- Große Rätselbeilage: Knobelspaß für jeden Tag
- 16 Seiten Sport: Experte warnt den HSV & St. Pauli plant zweigleisig
- 28 Seiten Plan 7: „Die kleine Meerjungfrau“ am Thalia, das Familienmusical „Anouk“ & Open-Air-Konzerte
Fotos, die ihre erschütterte Familie in den sozialen Netzwerken verbreitet, zeigen eine hübsche Frau mit umgedrehtem Basecap, die in die Kamera lacht. „Sie sagte uns immer wieder, wie wichtig es ist, die See und die Fischerei zu schützen“, schreiben ihre Angehörigen. „Wir könnten nicht stolzer auf sie sein.“
Gibt es Schicksal? Wieso fahren manche Menschen ihr Leben lang über das Meer, überleben Stürme und Feuer und andere kritische Situationen. Und wieso ist alles für eine junge Frau auf ihrer ersten Reise vorbei? Welchen Sinn ergibt das?
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Jadas Name wird auf das Memorial am Boulevard von Gloucester aufgenommen und auch im Verzeichnis „Lost at Sea“ auftauchen, das man auf der Internetseite der Gemeinde herunterladen kann. Zu jedem Seemann sind neben dem Namen das Alter, die Position an Bord, die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft und der Name des Schiffes vermerkt. In einem Kasten stehen die Begleitumstände des Untergangs, sofern sie bekannt sind.
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