Das Meer kennt keine Gnade
Schon wieder hat eine große Welle Menschen an Europas Küsten in den Tod gerissen, und ich kann mich nicht erinnern, dass ich diese Meldung so häufig las wie in den vergangenen Wochen. Die Übersicht der Tragödien wirkt gruselig.
Im Norden Spaniens verlor eine Hamburgerin während eines Landausflugs auf einer Kreuzfahrt ihr Leben, als sie ein Foto aufnehmen wollte. Auf Teneriffa zog eine Riesenwelle vier Menschen aus einem Naturschwimmbecken in die See. 60 Tote waren 2025 auf den Kanaren insgesamt zu betrauern. Wirklich: 60 Leben, die Wellen nahmen.
Die Inselregierung plant nun, eine Art Frühwarnsystem zu installieren, mit verbesserten Informationskampagnen und Wettervorhersagen. Im Falle der Vulkaninseln im Atlantik ist tückisch, dass die Stürme manchmal weit draußen toben und Wellen aufschieben, die auf ihrem Weg kaum Energie verlieren. Sie überraschen alle, die sich zu nahe am Wasser aufhalten.
Handeln Menschen am Meer leichtsinniger?
Warum häufen sich diese Unglücke? Werden die Seen gefährlicher, weil die Stürme heftiger wehen? Oder handeln Menschen am Meer leichtsinniger – und riskieren etwa auf der Suche nach einem Foto für Instagram zu viel?
Was sich in der Kleinstadt Withernsea zutrug, erschüttert zu Jahresbeginn die englische Öffentlichkeit. Die 15-jährige Grace Keeling steht an der Treppe einer ehemaligen Pier, als sie eine Welle erfasst. Sofort treibt sie knapp hundert Meter weit ab. Ihre verzweifelte Mutter Sarah (45) springt in die kalte, aufgewühlte Nordsee. Auch sie gerät in Not und schreit nach Hilfe.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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Menschen eilen herbei. Jemand wirft einen Rettungsring. Einer der Passanten, Mark Ratcliffe, 67, ein Großvater, der an der See spazieren ging, riskiert alles. Trotz der bis zu fünf Meter hohen See wagt er sich ins Meer. Eine Rettungsaktion von der Coastguard und Seenotrettern der RNLI startet, Hubschrauber sind in der Luft. Mehr als 100 Einsatzkräfte beteiligen sich insgesamt.
Als erstes entdecken die Helfer die Leiche der Mutter. In den Abendstunden finden sie auch Mark Ratcliffe. Er ist nicht mehr bei Bewusstsein und stirbt wenig später. Sein Sohn dankt in einem Facebook-Beitrag der RNLI, der Küstenwache und den Rettungsdiensten. „Mach’s gut, Dad. Ich vermisse dich, und ich werde den wahren Helden und das Vorbild, das du warst, niemals vergessen“, schreibt er.
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Ein Meer von Blumen bedeckt seither den Teil der Promenade, an dem sich das Unglück ereignete. Das Leben in Withernsea wirkt wie eingefroren. Viele Passanten weinen. Priester sind vor Ort, um zu trösten.
Von der Teenagerin fehlt bislang jede Spur. Die Nordsee hat sie noch immer nicht herausgegeben.
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