Sturm vor Färöer

Zufall oder magisches Denken? Unser Kolumnist glaubt schon fast, Sturm anzuziehen. Hier vor der Küste der Färöer. Foto: Kruecken/Ankerherz

Bin ich wie der Schiffsjunge, der den Sturm anlockt?

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Kaum haben wir den Windschatten der färingischen Klippen verlassen, geht das große Geschaukel wieder los. Ich habe mich auf meine Koje gelegt, um diese Kolumne zu schreiben, weil ich fürchte, dass ich mit dem Stuhl durch die Kabine rutsche oder umkippe.

Sechs Meter hohe Wellen treffen die Islandfähre, schräg von vorne auf Steuerbordseite. Nicht schön für jene an Bord, die seekrank werden. Der Nordatlantik sieht bedrohlich aus, und ich fürchte im Stillen, dass es etwas mit meiner Anwesenheit zu tun haben könnte.

Auf Segelschiffen bezogen Schiffsjungen früher Prügel der Matrosen, wenn sie an Deck pfiffen. Im Aberglauben der Seeleute lockten sie damit den Wind an. Nun habe ich noch nie gepfiffen auf einem Schiff, nicht mal heimlich auf dem Klo, und Schläge hat mir auch noch niemand angeboten. Doch Kapitän Schwandt, der alte Seemann, war überzeugt, dass ich auf eine seltsame Weise den Sturm anzog.

„Aha, dein Fluch ist besiegt“, sagte Kapitän Schwandt

Immer dann, wenn wir damals gemeinsam auf See waren, etwa, um an einem Buch zu arbeiten, knallte es. Auf der Nordsee, auf der Irischen See, sogar auf einer Sommerpassage über die Ostsee. Die Hinreise von Travemünde nach Klaipeda verlief ententeichig. „Aha, dein Fluch ist besiegt“, meinte Schwandt.

Als wir zwei Tage später wieder zur Rückfahrt in den Hafen kamen, warnte die Wetter-App vor Sturm mit Windstärke 11 aus West, und so kam es auch. Na, vielen Dank. Schwandt, der dem Übersinnlichen nicht abgeneigt war, sah mich seltsam an und machte fortan keine Witze mehr.


Stefan Kruecken hfr
Stefan Krücken

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.

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Die Liste meiner Sturmfahrten ist lang. Ich erlebte sie vor Kap Hoorn, südlich der Falklands, rund um Spitzbergen, im Mittelmeer und auf der „Queen Mary 2“ mit Kurs New York (es stürmte ohne Pause von Land’s End bis zur Statue of Liberty). Ein Törn von Helsinki gipfelte – nein, ich übertreibe nicht – in der größten Sturmflut seit hundert Jahren. Danach traute ich mich zum Wohle der Kinder eine Zeitlang nicht mehr aufs Tretboot im heimischen Appelbeker See.

Sie glauben mir nicht? Die letzten drei Reisen in diesem Jahr verliefen so: Charter des Dreimasters „Großherzogin Elisabeth“ nach Helgoland – Windstärke 10, Ende in Bremerhaven. Tour nach Newcastle in England – Beaufort zehn, fünf Meter Welle, Spucktüten wurden knapp. Und nun diese Fahrt nach Island, auf der einige Passagiere grüngesichtig unterwegs sind. Gemeinerweise war ich selbst noch nie seekrank.

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Ich habe eben nachgesehen, wie sich das Seewetter auf der Rückfahrt von Seyðisfjörður nach Dänemark entwickeln soll. Der Wind nimmt laut Prognose kurz ab, dreht dann aber – selbstverständlich – voll auf. Wieder wird es wohl mit acht bis neun Beaufort wehen, wieder schräg von vorne.

Ich bin offiziell ein Sturmproblem.

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