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USA: Thomas Mann im "Weimar am Pazifik"

Los Angeles - Bei dem kalifornischen Ehepaar Jon und Chet Lappen am San Remo Drive in der Ortschaft Pacific Palisades klingeln häufig Fremde an der Tür. "Bei uns kommen Besucher aus aller Welt vorbei, die Thomas Manns Exil-Adresse aus seinen Tagebüchern kennen", erzählt die Hausbesitzerin.Seit 1953 lebt die Familie in dem Haus, das Thomas Mann 1942 von dem deutschstämmigen Bauhaus-Architekten Julius Ralph Davidson bauen ließ. "Er nannte sein geliebtes Domizil das Haus der sieben Palmen", von denen heute nur noch vier übrig sind, berichtet die alte Dame. Das Ehepaar Mann, das 1952 nach Europa zurückkehrte, lernten sie durch einen Briefwechsel kennen.Manns Arbeitszimmer, in dem er "Joseph, der Ernährer", "Doktor Faustus" und "Der Erwählte" schrieb, habe sich kaum verändert, versichert Jon Lappen. Einige Wände in dem Haus hätten sie aber eingerissen, um mehr Licht hineinzulassen. "Die Europäer hatten vermutlich nicht so viel Sinn für das kalifornische Licht", vermutet sie. Jetzt wirke das Haus freundlicher.Das ehemalige Domizil des Schriftstellers, das mit einer Plakette am Eingang auf den berühmten Bewohner verweist, ist greifbarer Zeuge von Manns 15-jährigem Exil, das 1938 mit einer Gastprofessur an der Princeton Universität begann. Drei Jahre später zog die Familie mit den Kindern Erika und Klaus nach Kalifornien um. Pacific Palisades, nordwestlich von Los Angeles, wurde zum "Weimar am Pazifik". Es war ein Zufluchtsort für deutschsprachige Intellektuelle und Kulturschaffende, darunter Berthold Brecht, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Ludwig Marcuse, Kurt Weill und Manns älterer Bruder Heinrich.Der Germanistikprofessor Cornelius Schnauber von der University of Southern California hat die Exil-Zeit in seinem Buch "Spaziergänge durch das Hollywood der Emigranten" beschrieben. "Thomas Mann gilt hier in Bildungskreisen immer noch als der bedeutendste deutsche Autor des 20. Jahrhunderts, obwohl auch Kafka sehr bekannt ist". Die "New York Times" stellte Mann damals als den "Goethe Hollywoods" dar, erzählt Schnauber. "Tod in Venedig" zähle heute zur Pflichtlektüre im Studium Generale.Schnauber verweist auf Manns "direkten Draht" zu dem damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, bei dem die Manns häufig privat zu Gast waren. 1944 hatte der Autor die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und stand Roosevelt bei dessen Wahlkampfkampagne zur Seite. Seinen Kampf gegen das Hitler-Deutschland setzte der Schriftsteller mit Vortragsreisen durch die USA fort. Mit Radioansprachen im deutschen Programm des BBC "Deutsche Hörer" bezog er gegen das NS-Regime Stellung.Wie viele andere Exilanten geriet auch Mann nach Kriegsende wegen angeblicher kommunistischer Aktivitäten auf die Schwarze Liste der Bundespolizei. 1952 verlässt er die USA. "Der Hauptgrund für seine Rückkehr nach Europa war die deutsche Sprache. Ohne die deutsche Sprache konnte er nicht leben", davon ist Konrad Kellen überzeugt. Der heute 90-Jährige war in den 40er Jahren Manns Privatsekretär. Er tippte seine handgeschriebenen Roman-Manuskripte, diskutierte über Literatur und Politik und "schätze sein Verständnis der Welt". Der als Konrad Katzenellenbogen in Berlin geborene Emigrant lebte seit 1935 in den USA.Der von ihm hoch verehrte Schriftsteller war aus Kellens Sicht ein unglücklicher Exilant. "Wohl gefühlt hat er sich nirgends. Er war kein glücklicher Mensch in dem Sinne, aber er war froh mit seinen Büchern." Kellen lebt heute noch in der Nachbarschaft von Manns früherem Haus und der Villa Aurora, dem herrschaftlichen ehemaligen Feuchtwanger-Domizil, wo auch Mann bei Lese- und Musikabenden häufig Gast war. Das von Mann als "wahres Schloss am Meer" gepriesene Gebäude ist heute eine durch Bundesmittel geförderte Künstlerresidenz. "Wenn wir dem US-Publikum vermitteln wollen, was wir hier tun, dann ist Thomas Mann der Name, der zieht", sagt Leiterin Claudia Gordon. Neben Stipendien für Künstler, die dort drei Monate zu Gast sind, bietet die Villa Aurora - "ganz im Sinn der alten Exilzeit" - verfolgten Schriftstellern jeweils für ein Jahr Zuflucht. Derzeit gastiert dort ein Autor aus Sierra Leone.Als Kulturzentrum möchte auch Jon Lappen das frühere Wohnhaus Thomas Manns für die Nachwelt erhalten. Der alten Dame zufolge laufen bereits Kaufgespräche mit der Bundesregierung, die bis jetzt aber am Preis scheiterten. Der nächste Besitzer könnte die Mann-Villa abreißen und auf dem großen Grundstück vier neue Häuser bauen, befürchtet Lappen. "Das wäre wirklich zu schade".


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