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Unfassbare Wende: Schubert bleibt! Fliegt jetzt Schulte?

v.l. Aufsichtsrat Jens Duve, Vizepräsident Dr. Bernd-Goerg Spies, Pressesprecher Christian Bönig, Präsident Stefan Orth, Trainer André Schubert
v.l. Aufsichtsrat Jens Duve, Vizepräsident Dr. Bernd-Goerg Spies, Pressesprecher Christian Bönig, Präsident Stefan Orth, Trainer André Schubert
Foto: WITTERS

Am Montagmorgen um kurz nach 10 Uhr lud der FC St. Pauli zur Pressekonferenz am Nachmittag. Inhalt: die eigentlich beschlossene Entlassung von André Schubert. Als das Präsidium vier Stunden später der Journaille im proppenvollen Medienraum am Millerntor seinen tatsächlichen Beschluss mitteilte, trauten die Anwesenden ihren Ohren nicht. Der Trainer bleibt, der Irrsinn ist braun-weiß.

Damit hatte er nicht gerechnet: André Schubert darf St. Pauli-Trainer bleiben.
Damit hatte er nicht gerechnet: André Schubert darf St. Pauli-Trainer bleiben.
Foto: WITTERS

Ein dreistündiges Gespräch am Morgen hatte die Klub-Bosse zu einer Rolle rückwärts bewegt. Jene Bosse, die sich noch vor wenigen Wochen für eine Entlassung nach Saisonende entschieden hatten, was Präsident Stefan Orth zumindest andeutungsweise zugab: „Eine Infragestellung des Trainers war durchaus ein Thema.“ Jene Bosse, die sich in den letzten Tagen trotz massiver Vorwürfe gegen den Coach nicht ein positives Wort über Schubert hatten abringen können. Jene Bosse, die jetzt von einer angeblichen Medienkampagne schwadronieren und dabei verdrängt haben, dass sie als Informanten bündelweise Interna an die Redaktionen geliefert haben. Zum Beispiel an die „Sport Bild“, die am Sonntag von Schuberts Entlassung berichtet hatte und sofort nach Ende der Sitzung mit dem Trainer gestern schon wusste, dass er bleiben darf.

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„Der Blick geht nach vorne, die Probleme sind ausgeräumt“, sagte Orth, der wohl Ohrenzeuge eines flammenden Beitrags inklusive umfangreichen Konzepts gewesen sein muss. „Wir haben eine Basis für die Zukunft gefunden.“ Eine Basis, die auf tönernen Füßen steht. Denn durch die Ereignisse der letzten Tage und die nicht existente Rückendeckung hat die Autorität Schuberts naturgemäß enormen Schaden genommen. Die Mannschaft saß gestern zu Hause in der Erwartung, von der Beurlaubung des Coaches zu hören.

Muss er Tschüs sagen? Sportchef Helmut Schulte weht der Wind seit gestern wieder stärker ins Gesicht – wie schon im letzten Jahr.
Muss er Tschüs sagen? Sportchef Helmut Schulte weht der Wind seit gestern wieder stärker ins Gesicht – wie schon im letzten Jahr.
Foto: Witters

Was sie stattdessen serviert bekam, lässt eigentlich nur einen Rückschluss zu: Statt des Trainers wird der Sportchef wohl gehen müssen. Helmut Schulte fehlte gestern überall da, wo er hingehört hätte. Er war nicht bei der Pressekonferenz dabei und nahm auch nicht am Morgen an der sportlichen Analyse der Saison teil. Schultes Abwesenheit hat Schubert dem Vernehmen nach dazu genutzt, der Chefetage sein Leid über die schlechte Zusammenarbeit zu klagen. Zudem ist das Verhalten des Sportchefs gegenüber den Spielern in die Kritik geraten, nicht nur wegen der gescheiterten „Verhandlungen“ mit Deniz Naki. Im letzten Sommer wäre Schulte wegen exakt solcher Vorwürfe fast gefeuert worden.

Der 54-Jährige wähnt sich fest im Sattel. „Ich glaube nicht, dass ich mir Sorgen machen muss“, sagte Schulte gegenüber der MOPO. Orth kündigte ein zeitnahes Gespräch mit Schulte an, ließ ein klares Bekenntnis aber vermissen. Angesichts der Redegewandtheit Schultes ist aber auch nicht auszuschließen, dass die Bosse die geplante Unterredung euphorisch und mit dem Eindruck verlassen, in fünf Jahren in Europa spielen zu können. Man sollte sich beim FC St. Pauli im Mai 2012 bei nichts mehr sicher sein. Vor allem nicht, wenn man weiß, warum Schulte tatsächlich am Morgen nicht in der Schubert-Runde saß: Er war beauftragt worden, einen neuen Trainer zu holen, und verhandelte bereits mit dem in Lautern entlassenen Marco Kurz...

MOPO-Kommentar: Zweitklassige Kiez-Revue

Es fehlte nur, dass sich am Ende dieser absurden Inszenierung plötzlich jemand im prall gefüllten Presseraum des Millerntor-Stadions erhebt und fragt: „Herr Schubert, verstehen Sie Spaß?“ Nein, der FC St. Pauli meint es ernst. Nicht die Rolle rückwärts in der Trainerfrage ist die größte Peinlichkeit, sondern das groteske Verbiegen der Wahrheit, das an den ehemaligen irakischen Außenminister Muhammad as-Sahhaf, besser bekannt als „Comical Ali“, erinnert.

Die Vereinsführung hatte Schuberts Rauswurf längst beschlossen, ihn durch ihr Schweigen quasi zum Abschuss freigegeben – und feiert sich jetzt dreist dafür, sich nicht von den bösen Medien treiben lassen zu haben, denen sie über Monate immer wieder Munition geliefert hatte. Massive Differenzen werden weggelächelt. Gravierende Vorfälle zu „Gerüchten“ geschrumpft. Das ist an Verlogenheit kaum zu überbieten.

Die beste Figur in dieser schrägen Kiez-Revue, die Ex-Boss Corny Littmann nicht besser hätte inszenieren können, macht ausgerechnet Schubert, dem die Rolle des Ehrlichen, Wahrhaften, Gradlinigen zufällt. Doch damit der Ironie nicht genug: Der Grund, warum der jetzt in den Fokus der Kritik geratene Sportchef Helmut Schulte nicht auf der Pressekonferenz zugegen war, um Stellung zu beziehen, setzt dem Wahnsinn die Krone auf. Er hatte einen wichtigen Termin. Mit einem designierten Nachfolger für Schubert. NILS WEBER

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