Es war ein Sieg der Schmerzen für den alten und neuen Weltmeister. In einem harten Kampf, der für Vitali Klitschko weitaus dramatischer verlief als zunächst bekannt, wurde „Dr. Eisenfaust“ selbst zum Patienten und musste nach dem letzten Gong endlos erscheinende 14 Stunden lang sogar den Blitz-K.o. seiner außergewöhnlichen Karriere fürchten musste.
Mit nur einer Hand hatte Klitschko den unermüdlich anstürmenden Herausforderer Dereck Chisora vor 12.500 Zuschauern in der Münchner Olympiahalle und in der Spitze 13,47 Millionen am TV in Schach gehalten und besiegt. Nach Punkten. Deutlich (118:110, 118:110, 119:111).
Aber der 40-jährige Schwergewichts-Champ war nicht glücklich. Denn er hatte den zwölf Jahre jüngeren britischen Bad Boy, der ihn mit einer Ohrfeige beim Wiegen bis aufs Blut gereizt hatte, nicht wie ersehnt ausgeknockt. Nicht ausknocken können.
Schuld war die Schulter. In der vierten Runde des harten Gefechts hatte sich Klitschko eine Schulterverletzung zugezogen. „Mein Arm hat sich nicht mehr bewegt und mir nicht mehr gehorcht“, berichtet Vitali. Ein Einsatz der linken Führhand war unmöglich, die traditionell seine Gegner zermürbt und das Feld für die vernichtende rechte Schlaghand bereitet.
„Ich habe richtig Angst gehabt“, gesteht Vitali, „und das Schlimmste befürchtet.“ Eine Verletzung wie vor zwölf Jahren, die jetzt, im fortgeschrittenen Alter und angesichts seiner politischen Pläne möglicherweise das sofortige Karriereende bedeutet hätte. Im Jahr 2000 hatte er im Kampf gegen Chris Byrd einen Abriss der Supraspinatussehne erlitten, aufgeben, den WM-Titel abgeben und nach einer OP sechs Monate pausieren müssen.
Entwarnung kam am Sonntag am frühen Nachmittag durch Klitschko-Arzt Prof. Bernd Kabelka nach einer Untersuchung in einer Münchner Klinik. Zwar hat es wieder die bereits erwähnte Sehne erwischt, aber sie ist nur angerissen. „Eine Operation wird nicht nötig sein, ich rechne mit zwei Monaten Pause“, so Kabelka zur MOPO.
Klitschko macht weiter. „Es ist noch nicht alles vorbei. Das war nicht der letzte Kampf“, stellt er erleichtert klar. Einer geht noch, wahrscheinlich im August, nach den Olympischen Sommerspielen und vor der Bürgermeisterwahl in Kiew, bei der er kandidiert, und den Parlamentswahlen in der Ukraine.
Zunächst wird sich Vitali Klitschko seiner Familie widmen und umfangreichen Rehamaßnahmen unterziehen, bevor er sich wieder in die Politik stürzt, wo nicht die Kraft seines linken Jabs, sondern seine Wortgewalt gefragt ist.