Er war der große Sieger, kämpfte auf der ganzen Welt. Heute kämpft Bruce Özbek, 19-facher Kickbox-Weltmeister, gegen seine Krankheit. „Der Blitz“, wie ihn seine Fans nennen, ist 47 Jahre alt und dement. Das Schicksal des ehemaligen Profi-Sportlers erinnert an das von Rudi Assauer. Doch dem ehemaligen Schalke-Manager bleibt die Unterstützung seiner Familie. Bruce Özbek hingegen bleibt nicht mehr viel.
Bruce Özbek ist sich nicht mehr sicher, mit wem er vor 30 Minuten telefoniert hat. „Die Morgenpost?“, fragt er, zieht an seiner Zigarette, der Zeigefinger zittert. Beim Sprechen legt er lange Pausen ein, erzählt viele Sachen mehrfach, sucht nach Worten, findet sie nicht.
Die Demenz macht ihm zu schaffen, manchmal vergisst er Dinge. Nur eines, das vergisst er nicht, äußert es mit klaren Worten: „Ich war ,Der Blitz‘, ein sehr bekannter Mann, bekannter als mancher Bürgermeister.“ Während er das sagt, glänzen seine dunkelbraunen Augen.
Bruce Özbek. Ein stämmiger Mann mit platter Nase und perfekt frisierten Haaren. Mehr als 100 Mal steht der gebürtige Kurde als Kickboxer im Ring, ist ein Star in der Szene, holt 1988 seinen ersten Weltmeistertitel in Ankara. Er gilt als „Journeyman“, als einer, der für jeden Kampf auf Abruf ist. Er boxt auf der ganzen Welt, feiert seine Siege mit Promis und Champagner. Mit seinem linken Bein verpasst er seinen Gegnern Tritte, die sie nicht sehen, nur spüren – „Der Blitz“ eben.
Es ist eine glanzvolle Karriere, doch sie hinterlässt Spuren. Immer wieder bricht Bruce Özbeks Nase, seine Hände, Arme und Beine sind zerfurcht. Es sind Narben des Triumphs.
Und dann vernarbt Özbeks rechte Gehirnhälfte. 2007 leidet er unter schweren Gleichgewichtsstörungen, hat rasende Kopfschmerzen, immer wieder bricht er einfach so zusammen. In Berlin untersuchen Spezialisten schließlich sein Gehirn und geben seinem Leid einen Namen: Demenz – Einschränkung der geistigen Fähigkeit, Ende der Sportlerkarriere.
Während Bruce Özbek über seine Familie spricht, greift er immer wieder zur Zigarettenschachtel. In Gedanken versunken nimmt er einen Zug, blickt zu Boden, sackt in sich zusammen. „Sie sind so süß, so gut“, sagt er leise und meint seine Söhne Bruce Lee (12) und Muhammad Ali (6).
Nach seinen großen Idolen habe er sie benannt. Dann zuckt sein Oberkörper, er drückt die Handflächen an die Schläfen und weint. Seit zwei Jahren hat er seine Kinder nicht gesehen, kämpft seitdem für ein Besuchsrecht. „Es ist der wichtigste Kampf meines Lebens“, sagt der 47-Jährige und Tränen sammeln sich in seinen langen Wimpern.
Wenn Bruce Özbek die Einsamkeit nicht mehr aushält, schläft er im Sportstudio eines Bekannten. Seine Matratze legt er dann in den Ring.