Es war harte Maloche, passend zum Gegner, und die zahlte sich am Ende aus. Durch ein 2:1 (1:1) über den VfL Bochum vor 24257 Fans am Millerntor überholte der FC St. Pauli den SC Paderborn in der Tabelle und kletterte auf Rang vier.
Vom Anpfiff weg ist zu spüren, dass die Hausherren sich einen Auftrag erteilt haben. Giftig, griffig und nebenbei noch fußballerisch ansprechend werden die Gäste eingeschnürt. Das einzige, was zunächst fehlt, ist eine klare Chance. Es dauert 19 Minuten, bis der VfL zum ersten Mal zielstrebig die Mittellinie überschreitet – und gleich klingelt’s in Pliquetts Kasten. Azaouaghs 18-m-Schlenzer fliegt über St. Paulis Keeper hinweg zum 0:1 ins lange Eck. Ein sehenswerter Treffer …
… der die Hamburger aber nicht aus der Bahn wirft, sondern nur noch wütender macht. Und es ist Schachten, der die Energie in richtige Bahnen zu lenken versteht: Einen Funk-Eckball wuchtet der Linksverteidiger per Kopf zum hochverdienten Ausgleich in die Maschen (26.). Fünf Minuten später ist die Freude fast dahin, doch Saglik klärt Dabrowskis Kopfball im Verbund mit dem Querbalken von der Linie.
Durchgang zwei beginnt nach nur zehn Sekunden mit einem 18-m-Knaller von Bartels, den Luthe gerade noch so um den Pfosten dreht. Doch der Schein trügt, die Dynamik ist dahin. Das liegt zuvorderst an den Bochumern, die defensiv diszipliniert stehen, nach vorne aber nun überhaupt nicht mehr stattfinden. Ähnliches gilt für St. Pauli, gleichwohl die Braun-Weißen alles versuchen. Die dickste Chance hat Thorandt, der nach einem Kruse-Freistoß knapp drüber zielt (67.).
Zum Glück bereitet VfL-Coach Bergmann seinem Ex-Arbeitgeber ein Geschenk, indem er den unterirdisch schlechten Inui auf dem Platz lässt. Dessen x-ter Ballverlust bringt den bereits verwarnten Freier in Not, der haut Funk um und sieht Gelb-Rot (74.). „Das hat uns sicher in die Karten gespielt“, gesteht Thorandt, der sechs Minuten später die Geburt des „Phantoms von St. Pauli“ aktiv forciert. Kruses Freistoß legt er per Kopf prima quer auf Schachten, der in Knipser-Manier zum 2:1 vollendet (80.) und kurz darauf in den Katakomben von Boll getauft wird.
„Schachten, das Phantom“, meinte der Kapitän lachend. „Im Strafraum ist er wie ein Diesel, einfach nicht zu halten. Obwohl: Eigentlich ist es ein Armutszeugnis für uns, dass einer wie er die Tore macht.“ Der Matchwinner sah es ähnlich, „ein blindes Huhn findet halt auch mal ein Korn“, erklärte Schachten grinsend und fuhr fort: „Das war mein erster Doppelpack – und wahrscheinlich auch mein letzter.“
Beim 0:1 stehe ich optimal, denn wir Torhüter sind angehalten in solchen Situationen immer einen Schritt nach vorn zu machen. Ich habe mich zudem voll gestreckt, doch der Junge hat den Ball unglaublich getroffen – Hut ab! Aber dieses Gegentor ist mir scheißegal, denn wir haben als Mannschaft eine super Leistung gezeigt.
Das war spielerisch kein Leckerbissen, viele Bälle sind uns auf dem holprigen Rasen versprungen. Aber das war egal, denn viel wichtiger war, dass wir von Anfang an in die Zweikämpfe gekommen sind. Wir wollten den Gegner auffressen.
Das war Schwerstarbeit, aber wir hatten im Gegensatz zum Spiel in Aachen die richtige Einstellung, die war diesmal um hundert Prozent besser. Uns war klar, wenn wir unsere spielerische und kämpferische Linie durchziehen, dass wir drei Punkte holen würden.
Wir hatten nach der Niederlage in Aachen was gut zu machen. Alle waren heiß und willig. Jeder hat sein Herz in die Hand genommen. Das war entscheidend.
Wichtig war, mit einem Sieg eine Reaktion zu zeigen. Wir haben diesmal vieles richtig gemacht, waren in den Zweikämpfen bissiger und griffiger. Natürlich war auch Glück dabei. Aber wenn man bei dieser Atmosphäre am Millerntor spielt, dann ist die Wahrscheinlichkeit Glück zu haben, halt etwas größer.
Mahir Saglik war über seine Auswechslung überhaupt nicht erfreut. Er trat eine Bande um, verweigerte Coach Schubert den Handschlag und schimpfte wie ein Rohrspatz. Unterstützung bekam er von prominenter Seite: „Ich habe nicht verstanden, warum er runter musste“, meinte Weltpokalsiegerbesieger-Held Nico Patschinski.
Braunschweigs Trainer Thorsten Lieberknecht war ebenso im Stadion wie HSV-Handball-Präsident Martin Schwalb.
Manager Helmut Schulte fehlte am Sonntag wegen den Folgen einer Knie-OP.
Training ist am Montag um 10 Uhr, dann auch wieder mit Jan-Philipp Kalla, der an Scharlach erkrankt war.