Sie haben Arzu Ö. (18) verzweifelt gesucht – Polizei, Freunde, Bekannte. Seit Anfang November wurde die junge Kurdin aus Detmold (Ostwestfalen) vermisst, nachdem sie von ihren eigenen Geschwistern verschleppt worden war.
Jetzt wurde aus dem Bangen schreckliche Gewissheit: Die Leiche von Arzu Ö. wurde in der Nähe von Hamburg entdeckt. Die junge Frau wurde ermordet – offenbar von ihren Verwandten. Das Motiv: religiöser Fanatismus.
Am Freitagmorgen findet der Platzwart des Golfplatzes Großensee (Kreis Stormarn) eine verweste Frauenleiche. Es stellt sich heraus: Es ist Arzu Ö. aus Detmold. Sie war am 1. November verschleppt worden.
Was war passiert? Arzu Ö. wächst im ostwestfälischen Detmold (72000 Einwohner) auf. Ihre kurdische Familie ist streng religiös, gehört den Jesiden (siehe Info-Kasten) an. Die Schülerin jobbt am Wochenende in einer Bäckerei. Dort lernt sie den Gesellen Alexander K. (20) kennen, verliebt sich. Aus Angst vor Arzus Familie versuchen die beiden, ihre Liebe geheim zu halten. „Die beiden turtelten nur heimlich. Man sollte nichts mitbekommen“, erzählt Bäckerei-Chefin Ilse Müller (67).
Das Versteckspiel geht nicht gut, Arzus Familie bekommt Wind von der Beziehung. Die Angehörigen wollen die junge Frau zwingen, sich von Alexander zu trennen. Aber Arzu weigert sich. Ihr Vater versucht, in der Türkei einen „passenden“ Ehemann für seine ungehorsame Tochter zu organisieren. Später schlägt er sie vor den Augen der Familie zusammen.
Arzu flieht in ein Frauenhaus. Sie schneidet sich die Haare ab, färbt sie blond, nennt sich fortan Emily – alles, damit ihre Verwandten sie nicht entdecken. Aber die Hatz geht weiter. Die Familie klappert Frauenhäuser ab. Einer ihrer Brüder schickt ihr sogar eine Mail: Ihr Vater sei gestorben, sie müsse dringend nach Hause kommen. Arzu ahnt, dass es eine Falle ist, reagiert nicht. Sie trifft sich weiterhin mit Alexander, besucht ihn in seiner Souterrainwohnung – so auch am Abend des 1. November.
Um 1.30 Uhr kommen ihre Schwester Sirin (27) sowie ihre Brüder Elvis (21), Osman (22), Kemal (24) und Kirer (25) zu K.s Wohnung. Sie brechen ein Fenster und die Tür auf, verprügeln den 20-Jährigen, bedrohen Arzu mit einer Pistole, zerren die junge Frau in den VW Golf der Familie – und rasen davon. Was danach passiert, ist unklar.
Es heißt, einer der Brüder sei durchgedreht und habe seine Schwester getötet. Die Ermittler gehen von einem so genannten Ehrenmord aus. Die fünf Geschwister werden festgenommen. Gegenüber der Polizei sagen sie kein einziges Wort, noch nicht einmal mit ihren Anwälten reden sie. Alexander K. lebt seit der Entführung in Todesangst, ist mittlerweile umgezogen. Weshalb Arzus Leiche in Großensee – 211 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt – abgelegt wurde, ist unklar. Auch die Todesursache steht noch nicht fest.
Noch vor dem Fund der Leiche hatte die Staatsanwaltschaft Detmold angekündigt, gegen die fünf in U-Haft sitzenden Geschwister Anklage erheben zu wollen. Vermutlich wegen Geiselnahme mit Todesfolge (nicht unter zehn Jahre Haft). Die Ermittlungen gestalten sich schwierig. Oberstaatsanwalt Michael Kempkes: „Von keinem der fünf gab es bisher ein Signal, dass er auspacken will.“