Starr sitzt Ute S. (45) im Esszimmer. Ihre Hände liegen zusammengefaltet auf dem Tisch, der Blick scheint ins Leere zu gehen. Nur langsam begreift sie, dass ihr Sohn Bilal (17) nie wieder nach Hause kommen wird. In der Nacht zu Sonnabend waren der Schüler und ein 15-Jähriger bei einem Auto-Crash an der K87 (Kreis Harburg) ums Leben gekommen, zwei weitere Menschen wurden schwer verletzt.
Am Freitagabend sieht Ute S. ihren Sohn zum letzten Mal. „Gegen 22 Uhr holten seine Kumpel ihn mit dem Auto ab, Bilal wollte bei einem Freund übernachten.“ Am nächsten Morgen ist es aber nicht er, der in Winsen/Luhe an der Haustür steht, sondern vier Jugendliche. „Sie erzählten, dass Bilal tot ist.“ Die Frau kann es nicht glauben: „Die Polizei war nicht bei mir, ich dachte an eine Verwechslung.“
Erst als ihr Ex-Mann, der Vater des Jungen, anruft und dieselbe Nachricht überbringt, greift die 45-Jährige zum Telefon, wählt die Nummer der örtlichen Polizei – und erhält die schreckliche Bestätigung. „Offenbar hat in der Nacht niemand die Klingel gehört, als die Beamten vor der Tür standen“, sagt S.
Was war am Sonnabend auf der Bundesstraße „Alte Meile“ passiert? Vier junge Leute – Andreas L. (18), Bilal E. (17), Dennis I. (15) und Jan-Uwe M. (15) – sind gegen 0.20 Uhr in Richtung Sangenstedt mit einem alten Golf unterwegs.
Führerscheinneuling Andreas L., zu dem die Freunde fahren, gerät mit dem Auto aus noch ungeklärter Ursache in den Gegenverkehr. Ein Lkw-Fahrer (38) kann nicht mehr bremsen, die beiden Fahrzeuge prallen frontal aufeinander. Bilal E. und Dennis I. sind sofort tot. Andreas L. und Jan-Uwe M. kommen mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.
Wie konnte es nur zu diesem schrecklichen Unglück kommen? Ute S. sucht verzweifelt nach einer Erklärung: „Es ist sicher eine Verkettung vieler unglücklicher Zufälle“, sagt sie. Denn jemandem Schuld geben will sie noch nicht. „Vielleicht wäre dasselbe passiert, wenn Bilal nächstes Jahr seinen eigenen Führerschein gemacht hätte.“
Mutmaßungen auch im Freundeskreis der Jugendlichen: „Wir glauben, dass die Straße glatt war und Andi etwas zu schnell fuhr“, sagen Kai S. (16) und Timo (15).
Bei einer Kirchen-Trauerfeier kam Ute S. am Sonntagabend mit Freunden ihres Sohnes zusammen. Es sind Jugendliche, die in dieser schweren Stunde der Mutter ihres toten Kumpels beistehen wollen.