Martin N., der Serienkiller. Drei Kinder hat der Mann aus Harburg getötet, wahrscheinlich noch viel mehr. Warum wurde dieser Verbrecher nicht früher gestoppt? Denn Spuren, die zu ihm hätten führen können, gab es mehr als genug.
Spur 1: Die Vermieterin.
„Nett, hilfsbereit, sauber, zuvorkommend.“ So beschreibt Hauseigentümerin Christa R. ihren Mieter. Sie schwärmt, er habe ihr die Milch nach oben getragen, als sie sich die Hand gebrochen hatte. Ihr die Blumen gegossen und den Garten gehütet, wenn sie im Urlaub war … Aber wer nachbohrt, erfährt bald, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. „Am laufenden Band hatte der Kinder in seiner Wohnung. Das war schon seltsam. Einmal habe ich ihn angesprochen, was denn der 12-Jährige tags zuvor bei ihm gemacht habe. Er hat dann behauptet, der sei schon 16.“
59 Quadratmeter groß ist die Wohnung von Martin N. und geschmackvoll eingerichtet. Darauf, dass er häufig Kinder zu Besuch hatte, deuten zahlreiche Stofftiere hin. Auf dem Wohnzimmertisch liegt beispielsweise ein Eisbär. „Letzte Woche erst hörte ich Geräusche aus seinem Schlafzimmer“, sagt die Vermieterin. „Da war so ein Gestöhne und Gequieke.“ Christa R. gibt zu, dass sie das Verhältnis ihres Mieters zu Kindern ziemlich „unnormal“ fand. Auf die Frage, warum sie darüber nicht auch die Polizei informierte, sagt sie: „Was geht mich an, was der da oben treibt? Mich hat nur interessiert, dass der pünktlich seine Miete zahlt. Das hat er getan. So einen zuverlässigen Mieter bekomme ich doch nie wieder.“
Spur 2: Die Nachbarn.
Wer rund um das Wohnhaus in der Jägerstraße in Harburg nach Martin N. fragt, hört immer wieder das Gleiche: „Wir wussten alle, dass der es mit Kindern treibt.“ Eine Anwohnerin, die direkt gegenüber ihr Appartement hat, sagt, dass sie häufig gesehen habe, wie Kinder zu Martin N. kamen. Jeder habe sich über ihn das Maul zerrissen. Aber unternommen hat von den Nachbarn niemand etwas.
Spur 3: Die Strafanzeige.
Schon vor sechs Jahren erfuhren Polizei und Staatsanwaltschaft, dass Martin N. hinter Jungs her ist. Eine Mutter zeigte N. an, weil er sich an ihren sechs und acht Jahre alten Söhnen vergangen hatte. Zu einem Prozess kam es nicht. Das Verfahren wurde gegen eine Zahlung von 1800 Euro eingestellt.
Spur 4: Das Verhör.
Im Jahr 2007 geriet Martin N. ins Visier der „Soko Dennis“. N. wurde verhört – aber dabei ergaben sich keine Verdachtsmomente, so Soko-Sprecher Jürgen Menzel. N. trat clever und selbstbewusst auf, vermied es, sich in Widersprüche zu verwickeln. Eiskalt belog er die Beamten. Am Ende ließen sie ihn, den Täter, wieder laufen.
Spur 5: Die Erpressung.
Im Jahr darauf stand wieder die Polizei vor der Wohnung von Martin N. Nachdem die Beamten die Tür eingetreten hatten, erwischten sie ihn mit einem Jugendlichen im Bett. Grund für die Durchsuchung: eine Erpressung. N. forderte von einem Bekannten aus Berlin 20000 Euro, andernfalls werde er kinderpornografische Bilder aus dessen Besitz an Polizei und Arbeitgeber weiterleiten. So die Drohung. Wegen Erpressung wurde N. zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Aber niemand kam darauf, dass er der Serienmörder sein könnte.
Bernhard Witthaut, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), fordert jetzt, dass aus dem Fall Konsequenzen gezogen werden müssten. Er beklagt, dass aufgrund von Personalmangel die Ermittlungsarbeit oft zu schleppend verläuft. „Teilweise werden DNA-Spuren oder Fingerabdrücke, die als Beweise wichtig sind, erst nach sechs Monaten oder teilweise zwei Jahren bearbeitet und ausgewertet. Das ist für die Täterermittlung und den Abschluss des Verfahrens eindeutig zu lange.“
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