Zum Teil einfach nur Schrott?

Architekt packt aus: Die Wahrheit über die Elbphilharmonie

Von Mathis Neuburger
Die Baustelle der Elbphilharmonie, aufgenommen vor dem rötlichem Himmel beim Sonnenaufgang.
Die Baustelle der Elbphilharmonie, aufgenommen vor dem rötlichem Himmel beim Sonnenaufgang.
Foto: dpa

Schock im Rathaus: Die Elbphilharmonie scheint zum Teil Schrott zu sein! Das sagte Architekt Pierre de Meuron (61) am Donnerstag im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) aus. Zudem geht es am Freitag vor Gericht darum, ob die Stadt pro Tag 200.000 Euro Schadensersatz fordern kann.

Der Schweizer Architekt Pierre de Meuron vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Elbphilharmonie im Hamburger Rathaus
Der Schweizer Architekt Pierre de Meuron vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Elbphilharmonie im Hamburger Rathaus
Foto: dpa

„Die Ausführungsqualität ist keinesfalls angemessen“, sagte der Stararchitekt. Das fange bei der Technik an – und höre bei der Backsteinfassade des Kaispeichers auf: Die sei zum Beispiel stark verunreinigt, die Oberfläche „immer noch nicht wasserabweisend“: „Der Zustand kann sich im Winter weiter verschlechtern“, sagte de Meuron.

Anstatt die Mängel endlich zu beseitigen, schlage Baukonzern Hochtief jetzt vor, die Fassade auszutauschen! „Ich bin verärgert“, sagte de Meuron. „Die Qualität ist weiter Anlass zu größter Sorge“, eine Qualitätssicherung gebe es immer noch nicht.

Das sagen Hamburger zum Elbphilharmonie-Chaos

Manfred Sommerfeld per Leserbrief

Als Konzequenz sollte die Fa. Hochtief für die nächsten Jahre von allen öffentlichen Bauvorhaben in Hamburg ausgeschlossen werden. Zusätzliche sollte der Vorgängersenat Gerichtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Eine weitere Horrormeldung. Und sie passt ins Bild. Die MOPO erklärt, was bei dem Projekt alles schief läuft:

Die Baustelle ruht fast komplett: Hochtief hat die Arbeiten an dem komplizierten Tragwerk des Daches aufgrund von Sicherheitsbedenken eingestellt. Erste Gespräche mit der Stadt hatten keine Einigung gebracht.

Wie teuer ist der Bau jetzt? Das weiß niemand. Ursprünglich waren mal 77 Millionen Euro veranschlagt. Mindestens wird die Stadt aber 351 Millionen Euro zahlen. Der Senat rechnet zudem mit mehr als 100 Millionen Euro an zusätzlichen Forderungen.

Wieso folgt eine Hiobsbotschaft auf die nächste? Es gibt zwei grundsätzliche Probleme. Erstens herrscht zwischen Stadt und Hochtief Krieg – obwohl beide kooperieren müssten. Zweitens soll der Bau etwas ganz besonderes sein, Fassade, Dach, Rolltreppen, Konzertsäle – alles sind spektakuläre Maßanfertigungen, die immer wieder Probleme verursachen.

Trifft die Architekten dann keine Schuld? De Meuron wies jede Schuld von sich  und zeichnete folgendes Bild: „Eine derartige Art der Realisierung habe ich noch nicht erlebt.“ So wurden Kosten der Öffentlichkeit Mitte 2005 fünf Prozent zu niedrig mitgeteilt. Der Bauauftrag wurde vergeben, obwohl weder Baugenehmigung, fertige Pläne für den Konzertbereich, Gesamtterminplan und -koordination vorlagen und Aufträge ohne Kostenbegrenzung vergeben wurden.

Davor habe man die Stadt mehrfach gewarnt – ohne Erfolg. Die Folge: Ständig neue Planungen, massive Kostennachforderungen. Selbst als die Stadt 2008 Hochtief nochmal 137 Millionen versprach, erhielt man im Gegensatz „keine Kosten- und Terminsicherheit“, klagte de Meuron über die miesen Verhandlungen seitens der Stadt. Aber auch die massiven Forderungen von Hochtief seien im internationalen Maßstab „gänzlich neu“: „Fast jede Schraube wurde von denen mit einer Mehrkostenforderung versehen.“

Worum geht es am Freitag vor Gericht? Nach diversen Terminverschiebungen und Einigungen ist der Bau erneut 14 Monate in Verzug: 2014 kann mit Glück eröffnet werden. Drei Monate Verzögerung nimmt die Stadt auf ihr Konto – wegen Planungsänderungen. Für die verbleibenden elf Monate soll Hochtief blechen. Im Verfahren soll geklärt werden, ob Hochtief den Bau eigentlich im Februar an die Stadt übergeben müsste.

Ob bereits ein Urteil gefällt wird, ist offen. Geben die Richter der Stadt Recht, würde diese ab Februar für jeden Tag Verzögerung 200.000 Euro Schadensersatz fordern. Hochtief schiebt die Verzögerung auf schlechtes Wetter und ständige Umplanungen der Stadt.

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Datum:  17.11.2011
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