Alarmsignale gab es genug, doch niemand griff ein: Wie jetzt bekannt wurde, gab es bereits seit Jahren massive Beschwerden von freien Jugendhilfeträgern und Pflegefamilien, die auf die katastrophalen Zustände im Jugendamt Mitte aufmerksam machten. Briefe gingen unter anderem an den damaligen Bürgermeister Ole von Beust (CDU), an die Sozialbehörde und an Bezirksamtsleiter Markus Schreiber.
Bereits im Jahr 2006 suchte der Verein für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien („Kiap“) das persönliche Gespräch mit Wolfgang Hammer, Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe in der Sozialbehörde. Damals schilderte der Verein detailliert seine Vorwürfe gegen das Jugendamt Mitte. „Getan hat sich nichts“ so Birgit Nabert von „Kiap“. Es folgten Briefe, 2009 an die Sozialbehörde und 2010 an Bürgermeister Ole von Beust.
In einem Antwortschreiben räumte der Leiter des Amtes für Familie in der Sozialbehörde, Uwe Riez, ein, dass „Schwachstellen festgestellt wurden“ und man „Abhilfe schaffen“ wolle. Allein: Geändert hat sich offenbar nichts. Pikant: Riez (SPD) bekleidet auch heute noch diese Position.
Es geht um ein Pflegekind, das bereits als Baby in Pflege kam. Es wurde laut „Kiap“ vor elf Jahren von einem Ehepaar aufgenommen. Wie aus heiterem Himmel habe das Jugendamt dann eine Kindeswohl-Gefährdung gesehen und wollte der Familie das Kind wegnehmen. Ohne überhaupt einen Besuch zu machen und mit dem Kind oder den Pflegeeltern vor Ort zu sprechen. Die Aufforderung, endlich einmal vorbeizukommen, konterte der Anwalt des Jugendamtes damit, dass der Aufwand für die „Vorbereitung eines Besuchs unvertretbar hoch“ sei.
In der Antwort auf die Beschwerde der Pflegefamilie bei Bürgermeister Ole von Beust (CDU), der zu dieser Zeit allerdings nicht mehr im Amt war, und Markus Schreiber (SPD) räumt die Sozialbehörde ein: „Es wurden Schwachstellen festgestellt, die zu nicht zu akzeptierenden Ergebnissen geführt haben.“ Gemeinsam mit dem Jugendamt wolle man Abhilfe schaffen.
Ob die Sozialbehörde nach dieser Beschwerde tatsächlich etwas getan hat, dazu gibt es aus der Behörde derzeit noch keine Stellungnahme. Aus der Senatskanzlei heißt es: „Wir prüfen, ob es diese Briefe gegeben hat und ob die damalige Verwaltung etwas unternommen hat“, so Sprecher Christoph Holstein.
Für Birgit Nabert von „Kiap“ ist klar: „Das Jugendamt handelt völlig willkürlich.“ Es gebe mehrere Fälle wie den geschilderten, in denen Ärzte, Psychologen und Pflegekinderdienste zufrieden sind, das Jugendamt Mitte aber trotzdem das Kind aus der Familie nehmen wolle. Mitte sei das am schlechtesten arbeitende Jugendamt. „Und alle wussten davon.“
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