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Interview mit Ties Rabe: Warum wird am Turbo-Abi festgehalten?

Bildungssenator Ties Rabe (SPD)
Bildungssenator Ties Rabe (SPD)
 Foto: dpa

Eltern machen wieder mobil gegen die Schulpolitik: Eine Initiative will das „Turbo-Abi“ nach acht Jahren (G8) kippen. Bildungssenator Ties Rabe (SPD) kämpft dagegen.


MOPO: Was spricht gegen die Wahlfreiheit der Gymnasien in Bezug auf G8 und G9?
Rabe: Es gibt gute Gründe für und gegen G8. Deshalb werden in Hamburg flächendeckend beide Wege angeboten. Wer das jetzt ändern und an jedem Gymnasium beides zulassen will, zettelt ohne Not einen großen Schulstreit an, der Politik, Verbände, Öffentlichkeit, Lehrer, Eltern und Schüler jahrelang in Atem halten wird. Vor allem aber werden Hamburgs Gymnasien dadurch in eine mehrjährige Reformbaustelle gestürzt. Stundentafeln, Stundenpläne, Bildungspläne, Ausbildungs- und Prüfungsordnungen, Stellenpläne, Raumpläne, Baupläne und vieles mehr – praktisch die gesamte Mechanik der Gymnasien müsste in einem langwierigen Verfahren mit unübersehbaren Folgewirkungen geändert werden. Ähnliche, vergebliche Versuche anderer Bundesländer zeigen: Diese Baustelle würde die Gymnasien jahrelang lähmen. Vernünftig wäre das nicht.


Halten Sie an G8 fest, um die Stadtteilschule zu schützen?
Nein. Die Stadtteilschulen sind sehr gut aufgestellt und brauchen keine Rettungstricks.


Andere Bundesländer (Schleswig-Holstein, NRW) schwenken um, bieten diese Wahlfreiheit an. Zeigt das nicht, dass G8 eine Sackgasse sein könnte?
Andere Bundesländer diskutieren, schwenken aber keineswegs um. Das wird von G8-Gegnern nur immer vor Wahlen erzählt. Die allermeisten Länder machen G8. Hamburg würde bundesweit einen Sonderweg gehen, wenn es G8 aufgibt.


Offenbar haben viele Schüler nur noch wenig bis keine Zeit für Hobbys, weil sie durch G8 extrem eingebunden sind. Ist das nicht ein Alarmsignal?
In Hamburg machen jetzt 30 Prozent mehr Schüler das Abitur als vorher unter G9. Sogar die Leistungen sind besser geworden. Das ist kein Alarm-, sondern ein gutes Signal. Zudem muss man wissen: Hamburgs G8-Schüler haben täglich vermutlich 20-25 Minuten mehr Schule als bayerische G9-Schüler. Das ist sicher nicht extrem und lässt Platz für Hobbys.


Kritisiert wird auch, dass Schüler ihre Persönlichkeit nicht ausreichend entwickeln können, wenn sie durch das Bildungssystem hetzen und bereits mit 17 ihr Abitur machen.
Man kann immer viel fühlen und erzählen, Studien oder Belege dafür gibt es nicht. Ich gebe zu bedenken: Unterricht und Schule behindern doch nicht die Persönlichkeitsbildung. Und in fast allen anderen Staaten der Erde verlassen junge Menschen die Schule spätestens nach 12 Schuljahren. Wollen wir ernsthaft behaupten, überall in der Welt würden seelische Krüppel ausgebildet?


Und was sagen Sie zu der neuen Hamburger Initiative gegen G8?
335 Unterschriften sind angesichts von 480000 Eltern und 240000 Schülern sicher noch keine Initiative. Aber in einer Medienstadt kann man das natürlich hochschreiben. Deshalb sage ich allen: Wer Schulfrieden will, der muss auch danach handeln. Eine neue jahrelange Reformbaustelle und neuer ideologischer Streit sind das letzte, was Hamburgs Gymnasien brauchen.

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