Die Tränen standen ihm in den Augen, als Bald-Präsident Joachim Gauck aus seinem VW-Caddy-Taxi stieg und in den 6. Stock des Kanzleramtes eilte. Es war kurz nach halb neun am Sonntagabend. Kurz zuvor wäre an der Gauck-Frage fast die Regierung geplatzt. Neuwahlen drohten. Denn: Die FDP war vorgeprescht und hatte Merkel mit Gauck gewaltig unter Druck gesetzt. Zuvor war sogar Hamburgs Ex-Bürgermeister Henning Voscherau im Präsidenten-Karussell. Jetzt kracht es bei Schwarz-Gelb.
Das Verhalten ist symptomatisch für den Zustand der FDP“, schimpfte Unions-Fraktionsvize Michael Kretschmer. Die Festlegung auf Gauck, ohne Absprache und gegen den Willen der Kanzlerin, sei ein „gewaltiger Vertrauensbruch“ gewesen, so Kretschmer. Und SPD-Vize Manuela Schwesig sagt gar, FDP-Chef Rösler habe Merkel erpresst. Das MOPO-Protokoll über die dramatischen Stunden vor Gaucks Nominierung.
11 Uhr, Wien: Im Stadttheater in der Walfischgasse spricht Gauck über sein Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Kein Wort lässt er sich zu der P-Frage entlocken. „Fragen Sie Frau Merkel“, ruft er.
13 Uhr: Im Kanzleramt fällt ein neuer Name: Hamburgs Ex-Bürgermeister Henning Voscherau (SPD). Auf ihn sollen sich zumindest Merkel und SPD-Chef Gabriel geeinigt haben – bis dann überraschend wieder Gauck ins Spiel kam. Voscherau sagt, mit ihm habe niemand gesprochen.
15 Uhr: Merkel ruft das CDU-Präsidium zu einer Telefonkonferenz zusammen, argumentiert mehrere Minuten gegen Gauck. Ob jemand dennoch für ihn sei, fragt sie. Schweigen.
15.10 Uhr: Auch FDP-Chef Philipp Rösler ruft sein Präsidium zusammen. Kurz zuvor hatte Fraktionschef Brüderle im TV Gauck gelobt.
15.50 Uhr: „Die Bombe platzt“, wie ein CDU-Präside sagt. Noch während der Beratung meldet eine Nachrichtenagentur den FDP-Beschluss für Gauck. Die Unionsspitze ist empört. „Ohne Absprache. Eine Riesensauerei!“, schimpfte ein wichtiger Parteifunktionär.
16.45 Uhr: Die Drähte glühen heiß. SMS-Frage an einen FDP-Präside: Ob ihm bewusst sei, dass das das Ende von Schwarz-Gelb bedeuten würde? Antwort: „Ja“.
19.30 Uhr: Merkel kehrt zum Gespräch mit der FDP zurück, sagt aber nichts über die Gauck-Entscheidung. Sie ist stinksauer. Erst als Rösler und Brüderle danach fragen, bestätigt sie zerknirscht den Schwenk.
19.55 Uhr: Die Spitzen aller Parteien (außer der Linken) sitzen im Kleinen Kabinettssaal des Kanzleramtes bei Frikadellen und Kartoffelsalat zusammen. Merkel kommt rein, sagt kurz, dass Gauck es werden soll und sie ihn jetzt anruft. Sie ist nicht sicher, ob sie seine richtige Handy-Nummer habe, fragt deswegen ihren Sitznachbarn, Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin: „Ist die das?“
19.58 Uhr: Flug AB 8753 von Wien nach Berlin-Tegel landet in der Hauptstadt. An Bord: Gauck, der neue Präsident.
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