Er sieht sich als Opfer einer „Schreiber-Hetze“, verteidigt verbissen sein Einschreiten gegen Obdachlose, Trinker am Hauptbahnhof, Skater oder Bauwagen-Bewohner. Gut drei Wochen nachdem Mitte-Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) seinen Anti-Obdachlosen-Zaun auf St. Pauli abbauen musste, gab er der MOPO sein erstes großes Interview.
MOPO: Sind Sie ein Spießer?
Markus Schreiber: (Überlegt sehr lange) In Ansätzen vielleicht. Aber kein reiner Spießer.
Was heißt das? Sind Sie ein Ordnungsfanatiker?
Nee, so ordentlich bin ich gar nicht. Was Sie mir in Ihrer Zeitung an Etiketten geben, stimmt gar nicht. Ich bin eigentlich, was Musikgeschmack oder Lesegewohnheiten betrifft, ganz normal. Wenn Sie so wollen: normal spießig. Ich bin zum Beispiel definitiv kein Heavy-Metal-Fan oder so.
Obwohl Sie neulich vorm neuen Hard Rock Café an den Landungsbrücken Gitarren zertrümmert haben ...
Ja, das war cool. Das hatte schon was, dürfte aber einmalig in meinem Leben bleiben. uen Hard Rock Café an den Landungsbrücken Gitarren zertrümmert haben ...
Fühlen Sie sich nach der Schlappe mit dem Zaun beschädigt?
Nein, aber belastet durch eine Diskussion, die mich in eine Ecke drängt, in der ich mich nicht sehe und nicht wohlfühle. Belastet auch durch Vorfälle vor meiner Haustür und durch Gewaltakte gegen meinen Fraktionsvorsitzenden. Das ist keine angenehme Situation.
Haben Sie einen Ordnungsfimmel, was den Bezirk Mitte angeht?
Nee, ich hab’ das Gefühl, dass in meinem Bezirk viele Menschen leben, die nicht so reich sind und darauf angewiesen sind, dass der Staat sie schützt. Die Reichen können sich den Schutz ja selber kaufen. Ich habe keinen Ordnungsfimmel, aber vielleicht einen Gerechtigkeitsfimmel.
Ihnen wird schon vorgeworfen, ein kleiner Schill zu sein.
Absoluter Quatsch. Rechtspopulist bin ich nicht. Ich wende Gesetze und Verordnungen an und ich bin erstaunt darüber, dass man dann in Ihrer Zeitung als ganz absonderlicher Mensch dargestellt wird. Das ist doch der Job eines Bezirksamtsleiters!
Sie spielen auf die Verordnung über das Nächtigen in Grünanlagen an?
Zum Beispiel. Oder auf das Wohnwagengesetz. Ich muss mich an Recht und Gesetz halten. Ich muss mich um die Probleme kümmern, die die Menschen haben.
In Deutschland gibt es Verordnungen ohne Ende. Aber in anderen Bezirken hat man sich mit Bauwagen-Leuten geeinigt. Dort geht deswegen die Welt nicht unter.
Meine Wahrnehmung ist, dass eigentlich niemand neue Bauwagenplätze will. Aber beim Bauwagenplatz Zomia in Wilhelmsburg geht es um eine politische Entscheidung, die ich ausführe. Ich selbst bin ja gar kein Politiker, sondern Verwaltungschef.
Bei den Campern auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz haben Sie aber trotz der Rechtslage ein Auge zugedrückt. Es geht also doch.
Die waren auch sehr konstruktiv in den Gesprächen. Sie haben deutlich gemacht, dass sie bestimmte Regeln einhalten und sehr verlässliche Partner sind. Das kann ich bei Zomia nicht erkennen. Die haben sich an nichts gehalten.
Könnte nicht auch Toleranz Grundlage behördlichen Handelns sein?
So etwas geht oft zulasten von anderen, von kleinen Leuten, die sich eben am Hauptbahnhof oder an der Kersten-Miles-Brücke ängstigen. Toleranz kann doch nicht bedeuten, dass jeder macht, was er will. Ich spüre die Verpflichtung, für Menschen zu sorgen, die angstfrei irgendwo langgehen wollen
Übertreiben Sie nicht maßlos mit Ihren „Angst-Räumen“?
Nein. Es gibt eine große Mehrheit von Bürgerinnen und Bürgern, die meine Auffassung in diesen Fragen teilt, die Recht und Ordnung will!
Es gibt aber auch viele Menschen, die in einer liberalen Stadt leben wollen, wo auch Randständige ihren Platz haben. Die keine Panik kriegen, nur wenn Menschen öffentlich Bier trinken.
Wir sind liberal, wir helfen im Bezirk Mitte Obdachlosen auf vielfältige Weise. Trotzdem hat auch der Normalbürger, der nicht obdachlos ist, Rechte. Ich habe die Verpflichtung, auch diesem zu seinem Lebensglück, zu seiner Angstfreiheit, zu verhelfen.
Wann ist denn jemals ein Passant von diesen Randständigen angegriffen worden?
Wenn Obdachlose einen gewissen Alkoholpegel haben, können die nicht mehr unterscheiden zwischen Passanten und anderen Obdachlosen. Dann muss ein Passant auch Angst haben. Bei meinen Bürgersprechstunden geht es immer nur um solche Dinge. Da kann ich doch nicht weghören. Dann trage ich den Titel Sheriff auch mit Stolz. Es ist doch nichts Schlimmes, für Recht und Ordnung einzutreten!
Die Frage ist nicht beantwortet. Hat es nun Attacken durch Randständige auf Passanten gegeben?
Durch Trinker auf jeden Fall! Am Hauptbahnhof und an der Kersten-Miles-Brücke haben Menschen eine Bierflasche gegen den Kopf gekriegt oder sind angepöbelt worden. Außerdem darf es auch unter den Obdachlosen nicht zum Totschlag oder zu Vergewaltigungen kommen, auch sie müssen geschützt werden.
Schüren Sie nicht selber Ängste?
Nein, ich nehme wahr, was da ist und wie die Leute denken. Sie dagegen verharmlosen diese Sorgen. So produzieren Sie einen neuen Schill! Ich aber will einen neuen Schill verhindern. Den darf es nicht wieder geben!
Haben Sie überlegt, hinzuschmeißen?
Nein, keine Sekunde. Der Job bringt mir noch viel Spaß, insbesondere wenn ich wenig „Morgenpost“ lese.
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