Kaum ist der Streit über den „Anti-Obdachlosen-Zaun“ unter der Kersten-Miles-Brücke beigelegt, gibt es Zoff um Markus Schreibers nächsten Coup: Per „Sondernutzungsgenehmigung“ soll der Vorplatz des Hauptbahnhofes in die Verantwortung der Bahn übergehen. Damit hätte sie das Recht, Trinker und Obdachlose zu vertreiben – doch das Unternehmen will den Schwarzen Peter nicht.
Der Hauptbahnhof gestern Mittag: An den Eingängen lungern Obdachlose und Sauf-Gruppen herum. Sie trinken Billig-Bier und Wein aus Tetra-Packs. Einige von ihnen sind schon (oder noch) derart betrunken, dass sie auf dem Steinboden schlafen.
Mitte-Bezirkschef Markus Schreiber (SPD) sind die Säufer rund um den Bahnhof schon seit Jahren ein Dorn im Auge. „Das Bild der Stadt wird nachhaltig beeinträchtigt“, heißt es in einem Papier aus dem Bezirksamt. Wildes Urinieren und aggressives Betteln beeinträchtigten das Sicherheitsempfinden.
In der vergangenen Woche verabschiedete die SPD in Mitte ein Konzept, das den Kampf gegen Alkoholiker und Obdachlose erleichtert: Die Bahn sollte bereits am Sonnabend das faktische Hausrecht für die überdachten Außenflächen auf beiden Seiten des Bahnhofs sowie den Möncketunnel erhalten. Bedeutet: Private Sicherheitsdienste könnten unliebsame Personen verscheuchen. Ein Recht, das Polizei, Bundespolizei und Ordnungsdienst derzeit nicht haben. Denn Trinken, Stehen, Sitzen oder Liegen in der Öffentlichkeit sind weder Straftaten noch Ordnungswidrigkeiten.
Fast täglich steht Taxifahrer Mirwais Amiri am Hachmannplatz, wartet auf Kunden. Auf die Trinker ist er nicht gut zu sprechen: „Die Situation ist wirklich schlimm! Unsere Fahrgäste werden oft belästigt.“ Von dem Plan, die „Alkis“ davonzujagen, hält er aber nichts: „Dann hängen die halt woanders rum. Die Stadt sollte sich um sie kümmern und Hilfe anbieten.“
In einem sind sich alle Geschäftstreibenden am Bahnhof einig: Die Trinker und Obdachlosen nerven. Sie zu verjagen, löst das Problem aber nicht. Schreiber will deshalb um die Ecke an der Altmannbrücke einen Trinkerraum nach Kieler Vorbild einrichten. Ob das die Lage entschärft, ist aber ungewiss. Denn die Betroffenen suchen sich speziell „Orte, die belebt sind, wo man was zu gucken hat“, sagt Stephan Karrenbauer vom Obdachlosenmagazin „Hinz&Kunzt“.
Doch die werden immer seltener. „Wir erleben eine passive Verdrängung. Es gibt immer weniger Plätze, auf denen man sich aufhalten kann, ohne etwas kaufen zu müssen. Die Randständigen werden von einer Ecke in die nächste vertrieben.“ Nur verschwinden werden sie so nicht.
Das sieht auch die Bahn so. Nach der ganzen Vertreibungs-Diskussion um den Obdachlosen-Zaun will das Unternehmen jetzt nicht die alleinige Verantwortung für die SPD-Pläne am Hauptbahnhof übernehmen. Die Situation vor Ort beschreibt eine Sprecherin vorsichtig als „nicht optimal für unsere Kunden“, aber gleichwohl könne es Verdrängung „aus unserer Sicht nicht geben“. Anders als vorgesehen übernimmt die Bahn das Hausrecht zum 1. Oktober nicht. Stattdessen wolle man jetzt mit Sozialträgern ein „umfassendes Hilfskonzept“ schnüren – und dann mit der Stadt einen entsprechenden Vertrag schließen.
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