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Pannen beim Verfassungsschutz: Der braune Schlapphut- Sumpf

Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes steht in Köln vor der Zentrale des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Immer neue Details über Pannen bei der Bundesbehörde kommen ans Tageslicht.
Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes steht in Köln vor der Zentrale des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Immer neue Details über Pannen bei der Bundesbehörde kommen ans Tageslicht.
 Foto: dapd

Sieben Jahre lang mordete der rechtsextremistische „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) in Deutschland. Dass den Neonazis nicht früher das blutige Handwerk gelegt wurde, liegt auch an unglaublichen Schlampereien bei den Behörden: Immer mehr Details kommen ans Tageslicht – sie lesen sich wie ein schlechter Krimi. Der Schlapphut-Sumpf wird immer tiefer.

Am 6. April 2006 wird der Türke Halit Yozgat in seinem Internetcafé von den NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit zwei Kopfschüssen getötet. Zur Tatzeit gegen 17 Uhr surft am PC-Platz 2 Andreas T., Mitarbeiter in der Außenstelle Kassel des hessischen Verfassungsschutzes, im Internet. Weil seine hochschwangere Frau Eva nichts von seiner Internet-Bekanntschaft „Tanymany“ von der Plattform „ilove.de“ erfahren darf, kommt er seit zwei Jahren ins Café.

Die beiden Neonazi-Killer will er nicht bemerkt haben, ebenso wenig die Blutspritzer auf dem Tresen und den dahinter liegenden Toten.

Kurz nach dem Mord telefoniert T., bis dahin V-Mann-Führer unter anderem für Rechtsradikale, mit zweien seiner „Schützlinge“. In seiner Wohnung in Deisel finden Fahnder neben Haschisch und mehreren Waffen eine Vielzahl von Schriftstücken aus dem Dritten Reich. Im Ort ist T. als „kleiner Adolf“ bekannt.

Wird als Fromm-Nachfolger gehandelt: Alexander Eisvogel.
Wird als Fromm-Nachfolger gehandelt: Alexander Eisvogel.
 Foto: dpa

In dem unserer Zeitung vorliegenden Vernehmungsprotokollen beteuert T. seine Unschuld. Er sei „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen. Er behauptet, ein „ausgeprägtes Interesse an der menschlichen Psyche“ zu haben. Deshalb habe er sich damit beschäftigt, „wie Menschen sich zu Massenmördern entwickeln“.

2006 will die in der Mordserie ermittelnde Kommission (BAO) Bosporus Andreas T. vernehmen. An ihn heran kommt sie aber nicht. Frustriert notieren die Beamten im Juli: „Unbefriedigend gestaltet sich weiterhin die Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Verfassungsschutz (in Hessen), das im Ergebnis eine polizeiliche Vernehmung ablehnt.“

Die BAO-Fahnder, dem bayrischen Innenministerium unterstellt, bitten um politische Hilfe. Bayerns damaliger Innenminister Günther Beckstein (CSU) will Wochen nach der Tat wenigstens den Namen des Verdächtigen bei seinem hessischen Amtskollegen Volker Bouffier (CDU, heute Ministerpräsident) erfragen.

Gegenüber den Autoren des Buches „Das Zwickauer Terrortrio“ (erscheint Anfang September im Verlag Das Neue Berlin) erinnert sich Beckstein: „Er hat ihn nicht herausgegeben, versicherte mir aber, den Verfassungsschützer bis ins Letzte Detail durchleuchtet zu haben.“

Ein weiterer Aspekt aus dem Schlapphut-Sumpf: Im Herbst 2006 wurde Alexander Eisvogel (46) Chef des Verfassungsschutzes in Hessen. Also Leiter der Behörde, die die Ermittlungen behinderte. Nun wird ausgerechnet Eisvogel als Nachfolger des zurückgetretenen Verfassungsschutzpräsidenten Heinz Fromm gehandelt.

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