Neue Gewaltexzesse

Versinkt Ägypten wieder im Chaos?

In Kairo kam es am Donnerstagabend wieder zu Straßenschlachten zwischen der Polizei und Demonstranten.
In Kairo kam es am Donnerstagabend wieder zu Straßenschlachten zwischen der Polizei und Demonstranten.
Foto: dpa

Was ist die ägyptische Revolution ein Jahr nach dem Sturz von Husni Mubarak noch wert? Das Land droht nach dem Fußball-Massaker in Port Said mit mindestens 74 Toten und etwa 1000 Verletzten wieder im Chaos zu versinken!

Bei Ausschreitungen während Demonstrationen gegen den regierenden Militärrat wurden in Kairo am Donnerstagabend fast 400 Menschen verletzt. Mehr als 10.000 Demonstranten versammelten sich auf dem Tahrir-Platz, um gegen Polizei und Militär zu protestieren.

Bei Zusammenstößen mit der Polizei kamen in Suez zudem zwei Demonstranten ums Leben. Augenzeugen zufolge schossen Polizisten mit scharfer Munition in die Menge und setzten Tränengas ein.

Die Demonstranten in Kairo zogen vor das Innenministerium, wo der anfangs friedliche Protestmarsch in Gewalt umschlug. Sie warfen mit Steinen und Schuhen und steckten Autoreifen in Brand, die Bereitschaftspolizei setzte Tränengas gegen die Menge ein – die meisten Verletzten inhalierten Tränengas, wurden ohnmächtig und trugen Blutergüsse oder Knochenbrüche davon.

Die Menge forderte die Hinrichtung der Mitglieder des Militärrats, der von Feldmarschall Hussein Tantawi angeführt wird. Dieser war 20 Jahre unter dem langjährigen Machthaber Husni Mubarak Verteidigungsminister.

Die Demonstranten skandierten: „Wir haben vom Umbruch geträumt. Sie haben uns zum Narren gehalten und uns stattdessen einen Feldmarschall gebracht.“

Ihr Hauptvorwurf: Das Militär habe die Ausschreitungen provoziert, um Kritiker des geltenden Ausnahmezustands ruhigzustellen.

Die Notstandsgesetze geben den Soldaten weitreichende Rechte (Militärgerichte, Festnahmen ohne konkreten Anlass) sind aber gerade eingeschränkt worden. Die Unruhen könnten eine neue Begründung liefern, um die Gesetze wieder voll in Kraft zu setzen. Ägypten schlittert ein Jahr nach dem Beginn des Aufstands gegen Husni Mubarak in die nächste Zerreißprobe.

Fußball-Randale in Ägypten

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Das Drama in Port Said geschah unter den Augen von insgesamt 3000 (meist untätigen) Polizisten und Soldaten – was in Ägypten für heftige Diskussionen sorgt. Denn die Fans von Al-Ahly waren so etwas wie die Speerspitze der Revolution gegen Mubarak.

Sie spielten bei der Verteidigung des Kairoer Tahrir-Platzes gegen die bezahlten Schläger des Regimes auf ihren Kamelen und die Militärs 2011 eine entscheidende Rolle. „Das war die Rache der alten Kräfte an den Revolutionären“, sagen Oppositionsvertreter.

Es gab im Stadion lasche Kontrollen, ein Großteil der Polizei war frühzeitig abgezogen worden. Und der Provinz-Gouverneur war erst gar nicht erschienen. Der Polizeichef verließ zur Halbzeit das Stadion.

Wael Qandeel, Chefredakteur der Zeitung „Al-Shorouk“, weiß: Die Polizei habe bereits vor dem Spiel Hinweise bekommen, dass eine Vielzahl bewaffneter Ex-Sträflinge auf dem Weg ins Stadion sei.

Der Militärrat hat zwar Aufklärung angekündigt. Doch der oberste Soldat, Mohammed Tantawi, nutzte das Drama bereits zur Propaganda gegen die Opposition: Es gebe eine Verschwörung, um den Staat ins Chaos zu stürzen.

Die Übergangsregierung zog erste Konsequenzen: Ministerpräsident Kamal al-Gansuri erklärte nach einer Krisensitzung des Parlaments in Kairo, dass er den Gouverneur der Stadt Port Said abgelöst und den ägyptischen Fußballverband aufgelöst habe.

Ein Ende der Gewaltspirale ist aber nicht in Sicht. Für Freitag sind weitere Proteste in Kairo geplant.

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Datum:  3.2.2012
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