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Nach Hochhuth-Angriff: Grass wehrt sich gegen die Kritik

In der Kritik: Günter Grass.
In der Kritik: Günter Grass.
Foto: dapd

Mit beispielloser Härte hat der Schriftsteller Rolf Hochhuth seinen Kollegen Günter Grass angegriffen: „Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann“. Hochhuth schrieb in einem offenen Brief an Grass, er schäme sich nun als Deutscher.

In unverminderter Wucht wurde Grass in der Öffentlichkeit für sein Gedicht „Was gesagt werden muss“ (unten) weiter kritisiert. In dem Text hatte Grass Israel als Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet. Seine Gegner antworteten mit einer Kanonade von Beschimpfungen: So schrieb der US-Autor Daniel Jonah Goldhagen: „Grass führt die Perversion – die Verkehrung von Opfern zu Tätern – auf ein neues Niveau“. Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld stellte Grass’ Gedicht in eine Reihe mit einer Hitler-Rede, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kritisierte empört, Grass würde Israel und den Iran auf eine Stufe stellen.

Angesichts der Kritikwelle präzisierte Grass die Aussagen seines Textes. So habe er nicht Israel allgemein angreifen wollen, sondern die Regierung Netanjahu: „Die kritisiere ich: Eine Politik, die gegen jede Uno-Resolution den Siedlungsbau fortsetzt. Ich kritisiere eine Politik, die Israel mehr und mehr Feinde schafft und das Land mehr und mehr isoliert“, so der Literaturnobelpreisträger.

Seinen zahlreichen Kritikern sagte Grass: „Widerrufen werde ich auf keinen Fall. Eine derart massive Verurteilung bis hin zum Vorwurf des Antisemitismus ist von einer verletzenden Gehässigkeit ohnegleichen.“

„Was gesagt werden muss“ von Günther Grass

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?


Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.


Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

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