Streit um die Schreibschrift

Interview mit Grundschrift-Gegner Walter Scheuerl

Von Sandra Schäfer
Großer Gegner der Grundschrift: Walter Scheuerl.
Großer Gegner der "Grundschrift": Walter Scheuerl.
Foto: HMP:Hamburger Morgenpost

Vom Verlust der kulturellen Identität war die Rede, von völliger Verdummung und „Generation PC“. Und das nur, weil Hamburgs Schüler keine Schreibschrift mehr lernen müssen. Die MOPO sprach mit Walter Scheuerl, Mitglied der CDU-Fraktion und schärfster Kritiker der „Reform für Wikipedia-Kopierer“.

MOPO: Herr Scheuerl, hat Hamburg nicht andere Sorgen als die Abschaffung der Schreibschrift?

Zwei Schriften, beide gut lesbar. Die Schulausgangsschrift (oben) lernen Schüler in Hamburg in der zweiten Klasse. In Zukunft können Schulen stattdessen Grundschrift lehren.
Zwei Schriften, beide gut lesbar. Die Schulausgangsschrift (oben) lernen Schüler in Hamburg in der zweiten Klasse. In Zukunft können Schulen stattdessen Grundschrift lehren.
Foto: hfr

Walter Scheuerl: Sie können diese Weichenstellung nicht so lax abtun. Hier geht ein Kulturgut verloren. Kinder können in Zukunft vielleicht die Briefe ihrer Eltern nicht mehr lesen.

Omas Sütterlin-Briefe kann heute auch niemand mehr lesen. Zudem schreiben Schüler später ohnehin ganz anders. Was genau macht die Schreibschrift so wertvoll, außer der Tradition?

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Es ist wichtig, eine verbundene Schrift gelernt zu haben. Wer darauf verzichtet, erschwert es den Kindern, später eine eigene Handschrift zu entwickeln. Schreibschrift schult die Feinmotorik und ermöglicht ein schnelles, lesbares Schreiben. In Zukunft droht uns Krakelei.

Aber die geplante Grundschrift kann ja auch fließend geschrieben werden und wird geübt...
Das Problem der Grundschrift ist die Beliebigkeit der individuellen Verbindungen. Die Kinder können selbst entscheiden, ob und wie sie die Buchstaben verbinden. Dabei kommt doch ein völlig unterschiedliches Schriftbild heraus.

Aber Lehrer lassen doch Schüler nicht völlig allein damit, oder befürchten Sie das?

In Eimsbüttel oder Alstertal sicherlich nicht. Da sorgen schon die Eltern dafür, dass die Schulen eine gute Schrift lehren. Aber in schwächeren Stadtteilen mit bildungsfernen Schichten können Lehrer ihre Schüler nun Freistil schreiben lassen, weil Schreibschrift mühseliger beizubringen ist.

Die Grundschrift sieht ja gar nicht so anders aus ...

Die Grundschrift, wie ihr Erfinder Herr Hecker sie schreibt, nicht. Aber das ist ja nicht das Maß der Dinge. Diese Schrift ist bisher das Lernziel an Sonder- und Förderschulen, weil sie vereinfacht ist. Mit der Grundschrift werden also in Zukunft noch 30 Prozent der Schüler gute Buchstaben-Verbindungen lernen und die anderen gewöhnen sich etwas Falsches oder zumindest Unpraktisches an. Damit wird eine Zwei-Klassen-Gesellschaft geschaffen: Erwachsenen könnte man an der Schrift ihren Bildungshintergrund buchstäblich ablesen.

Haben Sie kein Vertrauen in Fachleute vom Grundschulverband, die diese Schrift entwickelt haben?

Wenn es Lehrern nicht gelingt, Schülern Schreibschrift beizubringen, muss man dann das Niveau senken und sie abschaffen? Ich denke nicht. Das ist fast ein Kulturstreit. Der Grundschulverband will eine Vereinfachung und Entlastung. Das halte ich für falsch. Die Schule hat einen Bildungsauftrag und ist kein Trainingslager für PC-Schreiben.

Vereinfachung ist nicht automatisch Verschlechterung. Ziel muss eine lesbare Schrift sein, oder?
Ganz genau. Und in sechs bis acht Jahren werden wir merken, dass viele Schüler nicht mehr richtig schreiben können, vor allem keine längeren Texte.

Zu diesem Ergebnis würden Sie aber vielleicht auch kommen, wenn Sie das heute überprüfen.

Sehen Sie. Und das liegt daran, dass schon heute viel zu wenig Schreiben geübt wird. Vor allem Schönschreib-Übungen sind ja in der modernen Pädagogik verpönt.

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Datum:  1.7.2011
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