Es sind erschütternde Zeugnisse von Einsamkeit, Armut, Krankheit, Hilflosigkeit. Rund 300 alte Menschen haben ihre letzte Kraft mobilisiert und wenden sich in einem dramatischen Hilferuf an Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Ihre Bitte: ihnen die letzte menschliche Unterstützung zu lassen – die Ein-Euro-Jobber.
Ingrid Boschen (83) verbringt ihre Tage allein in ihrer Wohnung in Altona. Sie sitzt im Rollstuhl, muss mit einer kleinen Rente zurechtkommen. Einkaufen, saubermachen, Müll rausbringen – für die alte Frau eine Unmöglichkeit. „Ich habe niemanden mehr. Alle sind tot“, sagt sie. Und wäre da nicht ihr „Engel“, müsste „ich verdursten und verhungern“, schildert sie in ihrem Brief an den Bürgermeister ihre Lage.
Der Bund hat das Geld zur Förderung von Langzeitarbeitslosen in diesem Jahr um 50 Millionen Euro auf 134 Millionen Euro gekürzt. Mit diesen gekürzten Mitteln muss Hamburg neben den Ein-Euro-Jobs auch sonstige Qualifizierungsmaßnahmen für Arbeitslose zahlen. Unterm Strich ist also erheblich weniger Geld da.
„Das kann Hamburg nicht ausgleichen“, sagt die Sprecherin der Sozialbehörde Julia Seifert. Zurzeit gibt es 6200 besetzte Ein-Euro-Stellen in Hamburg. „Wie die Aufteilung der Gelder auf die einzelnen Maßnahmen aussehen wird, steht noch nicht fest“, so Seifert. Klar ist allerdings: Es werden Ein-Euro-Jobs wegfallen.
Im Gespräch waren bereits 2000 Stellen.
Ihr Engel: Das ist Carmen Arminio (46). Sie arbeitet über den sozialen Trägerverein Koala als Ein-Euro-Jobberin. Frau Arminio kommt einmal die Woche zu Frau Boschen und ist zum einzigen Kontakt zur Außenwelt geworden. „Ich war seit zwei Jahren nicht mehr draußen“, sagt Frau Boschen. Und das nächste Projekt mit ihrem „Engel“ wird ein kleiner Ausflug sein. Darauf freut sich die alte Frau.
Aber Ingrid Boschen hat auch Angst. Angst davor, dass ihr „Engel“ nicht mehr kommen kann, weil die Ein-Euro-Jobs massiv gekürzt werden sollen. Das Dilemma, in dem sich viele Hilfsbedürftige befinden: zu wenig Geld, um Hilfskräfte für den Haushalt zu bezahlen, und „zu wenig krank“, um in eine Pflegestufe zu kommen.
Auch Thomas Ahrens (46) schildert, wie sehr er auf „seine Ein-Euro-Jobberin“ Katja Kock (34) angewiesen ist. Ahrens ist schwer krank und blind. Frau Kock liest ihm seine Post vor, kümmert sich um den Haushalt. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Kock.
Beim Trägerverein Koala, der die Briefaktion koordiniert, weiß man um die dramatische Lage. „Wenn schon so drastisch gekürzt werden soll, dann müssen auch neue Instrumente her, um diese Menschen in ihrer großen Bedürftigkeit zu unterstützen“, sagt Marlies Strehlow von Koala. In ihrer Einrichtung sind 234 Ein-Euro-Jobber beschäftigt – die Mehrzahl in der Haushaltshilfe. Unterstützung bedeuten die Ein-Euro-Jobs auch für die Beschäftigten. „Sie tanken Selbstvertrauen durch ihre Arbeit, sie ist für sie sinnstiftend“, sagt Strehlow.
Am Dienstag sollen die bewegenden Briefe an Bürgermeister Olaf Scholz übergeben werden. Doch er wird sie nicht persönlich in Empfang nehmen. Stattdessen wird ein Mitarbeiter der Senatskanzlei die Hilferufe entgegennehmen. Ob Scholz überhaupt ein Auge drauf werfen wird?
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