Empfehlen | Drucken | Kontakt Datum: 18.1.2013

Papa-Tagebücher: Mütze ab! Wie der Junior Palermo bezirzt

Von Maik Koltermann
Zwischen Himmel und Hölle: Aus dem neuen Leben eines Vaters.
Zwischen Himmel und Hölle: Aus dem neuen Leben eines Vaters.
Foto: dapd

Der Palermer an sich ist ein Griesgram. Ist ja klar, da ist die Cosa Nostra. Da sind die sengend heißen Sommer. Überall bröckelt’s von den maroden Palazzi. Der USC Palermo ist Neunzehnter in der italienischen Liga. Und dann all die Enzos und Luigis, die nonstop mit ihren Vespas durch die engen Gassen knattern, als sei es ein Selbstzweck.


„Merda!“ schrieb jemand bei unserer Dachgeschoss-Ferienwohnung ums Eck an die Wand. Nur das eine Wort, in meterhohen Buchstaben. Und so ist das: Das Leben hier ist kein Zuckerschlecken. War’s noch nie.


Die Menschen sind klein, knurrig und knorrig. Marktleute knallen einem missmutig die (großartigen) Tomaten in die Tüte, als sei man der Geldeintreiber des Paten. Und im Restaurant gibt’s zwar exzellente Muscheln und Meeresfrüchte, aber auch für großzügiges Trinkgeld noch lange kein Lächeln der Bedienung.


Ich mag das. Es ist eckig und sperrig, trotzdem passt eins zum anderen. Aber noch mehr mag ich, dass ein Handgriff genügt, um all das zu ändern: Mütze ab!


Zunächst war es nur zufällig, an der Kasse im Supermarkt. Gestresste Menschen überall. Der Junior greinte, vielleicht war ihm warm. Ich zog ihm sehr beiläufig die Mütze vom Kopf – und ­– es ist kein Scherz – ein Raunen ging durch den Raum. Menschen lächelten! Sie raunten Dinge, die klangen wie: „Bellissima!“ „Bambino fantastico!“


Nun war Jonas, mit Speichelfaden an der Unterlippe, roten Hamsterbacken und zu Berge stehendem und sehr spärlichem, aber eben blondem Haupthaar nicht gerade repräsentativ herausgeputzt. Er starrte, genau wie wir, recht ratlos auf die beseelten Sizilianer. Aber bitte, wir wollen nicht lange nachfragen ...


Seitdem ist der Junior ganz offiziell unser Eisbrecher. Ich setze ihn gnadenlos ein, wo ich nur kann. Mütze ab, los geht’s. Im Restaurant schnappt ihn sich die Chefin und will ihn erst nach dem Dessert wieder herausrücken. Beim Marktstand bildet sich eine Traube aus jungen Männern, die ihn anfassen wollen. Passantinnen vergessen das Abbiegen, weil sie mit dem Kind flirten.


Zuneigung kann ja süchtig machen. Ich hoffe, ich hab’s mit dem Mütze-ab-Ding nicht übertrieben: Seit gestern hat der Junior ’ne Erkältung ...

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