Es gibt viele Gründe, Kinder zu bekommen. Allerhand romantische, ein paar soziologische. In Palermo, der Hauptstadt Siziliens, kommt noch ein ganz handfester dazu: „Die Gegend hier galt früher als sehr gefährlich“, erzählt unsere Vermieterin. „Aber die Leute hier mögen Kinder sehr gern, deswegen gibt es kein Problem, wenn ihr mit dem Kleinen unterwegs seid.“
Sehr schön. Wir haben einen acht Monate alten Bodyguard. Endlich Elternzeit. Wir sind für vier Wochen ans Mittelmeer gezogen. Eine rumpelige Wohnung unterm Dach mitten in der Altstadt. Eine Woche ist schon rum. Und eins ist klar: Das hier ist die perfekte Anti-Angst-Therapie für übervorsichtige deutsche Mittelschicht-Eltern.
Da ist die Wohnung: Während wir in Deutschland mit den Muttis all der kleinen Mias und Leons viel Zeit darauf verwenden zu diskutieren, welche Steckdosen-Sicherungen die besten sind und ob im Schlafzimmer 18 oder eher 20 Grad die beste Erholung garantieren, robbt der Junior hier in der eiskalten Bude in jeder unbeobachteten Sekunde zwischen mürben Stromkabeln, offenen Treppenschächten und glühenden Gas-Heizlampen umher – Patschehändchen immer Richtung Verderben. Pronto.
Da ist die Ernährung: „Am Anfang nur Kürbis-Brei, vielleicht noch Pastinaken“, raunen daheim die Hebammen und Supermuttis. „Nur bio! Und bloß kein Zucker und Salz!“ Hier gibt’s im Supermarktregal bei der Kindernahrung den Aufmarsch alles Schlachtbaren: Bizarre Gläschen-Etiketten zeigen links den immer gleich gierig grinsenden Säugling, rechts das süße Tier, das drinsteckt, im Foto noch unpüriert: Lamm, Kaninchen. Und, ja, äh: Pferd. Fisch gibt’s auch. Und Käse. Schön abgeschmeckt mit Salz und Zucker. Va bene.
Und da ist der Verkehr: beschaulich? Nicht hier. Palermo ist ruppig und laut. Palermo hupt und knattert. Palermo parkt kreuz und quer. In Schlangenlinien eiern wir durch den Parcours aus Schlaglöchern, Mopeds, Lastern. Jede Straßenüberquerung eine Nahtoderfahrung.
Und Jonas? Der Kerl, der nach zehn Minuten Spaziergang in der heimischen und lauschigen Fischbeker Heide wütend die Rückkehr nach Hause einfordert? Schläft in seiner Karre wie ein Engel.
O bella Italia...
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