„Todes-Turm“ und „Nutten-Bunker“ nennen die Kiezbewohner den Koloss. Und wieder geht hier die Angst um – aber nicht vor Kriminellen, sondern vor Investoren! Die wollen jetzt mit dem Schmuddel-Hochhaus Kasse machen – der St. Pauli-Boom macht’s möglich. Die Bewohner fürchten, die nächsten Opfer der „Schickimickisierung“ zu werden.
Seit 40 Jahren steht das weiße Hochhaus am westlichen Ende der Reeperbahn. 16 Stockwerke, in denen früher öfter mal Leichen gefunden wurden. 150 Zimmer, in denen viele Huren ihre Dienste anboten.
Jetzt sollen Besserverdiener einziehen. „Gentrifizierung“ nennen Soziologen die Aufwertung von Stadtteilen, bei der auch gleich die Bewohner ausgetauscht werden. Nirgends läuft das so extrem wie auf St. Pauli.
Gestern berichtete die MOPO über den Mieter-Protest gegen den Abriss der „Esso-Häuser“ am Spielbudenplatz. Am anderen Ende der Reeperbahn sitzt Stephan F. (41) im 13. Stock in seiner 1,5-Zimmer-Wohnung und fragt sich, wie lange er noch auf St. Pauli wohnen darf.
Denn nach mehreren Besitzerwechseln wird mit dem Niebuhr-Haus, so der offizielle Name, Kasse gemacht: Wohnungen werden zusammengelegt und in Eigentum umgewandelt. Die ersten sind bereits auf dem Markt – für 3200 Euro den Quadratmeter, 900 Euro mehr als der Hamburger Durchschnitt.
„Das könnte ich mir nie leisten“, sagt Fotograf F. Zwar wurden besonders alten Bewohnern Mietgarantien zugesagt. Doch gleichzeitig hieß es, dass keine Wohnungen verkauft werden. Dann standen die ersten Angebote im Internet. Deshalb geht die Angst um. Der Eigentümer, ein Investor aus Oldesloe, will sich gegenüber der MOPO gar nicht äußern. „Wenn ich hier ausziehen muss, kann ich keine andere Wohnung auf dem Kiez bezahlen“, sagt Mieter Stephan F.
Denn das einstige Schmuddelviertel soll glänzen: Luxushotels wachsen in den Himmel, Bürotürme dominieren die Skyline. Allein 2010 stiegen die Preise bei Neuvermietungen um 16 Prozent auf 11,80 Euro pro Quadratmeter. F. und seine Nachbarn zahlen weniger als acht Euro.
„Mit dem Niebuhr-Hochhaus würden hier weitere 150 bezahlbare Wohnungen wegfallen. Dabei geht es nicht um Einzelinteressen. Der Stadtteil wird systematisch für Besserverdiener umgebaut“, sagt Janne Kempe von der Initiative GWA St. Pauli.
Damit der Konflikt auf dem Kiez nicht eskaliert, steuert die Politik jetzt gegen. Denn die Wut wächst: An der Thadenstraße wurde Anfang des Jahres ein Neubau vermietet – für 16 Euro kalt den Quadratmeter. Wenn die Mieter ihre Haustür aufschließen, gucken sie auf ein großes Graffito: „Yuppies, verpisst euch!“ prangt an der schicken Fassade.
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