Braun gebrannt, freundlich und charmant – so sitzt er vor seinem Milchkaffee in der Langen Reihe in St. Georg, schimpft über Parteien und plaudert über den Tod.
Roger Kusch (56), Spitzname: „Die lächelnde Guillotine“, hat mit der Politik abgeschlossen und sich den Selbstmord zum Lebensinhalt gemacht – finanziert auch von seiner Senatspension.
Roger Kusch, das ist der, der als Justizsenator Häftlinge am liebsten in rosa Unterwäsche gesteckt hätte, dem Ronald Schill ein Verhältnis mit Ole von Beust unterstellte, der einen Selbsttötungsautomaten konstruierte und die spektakulärste politische Bruchlandung der letzten Jahre hinlegte.
„Das war der größte Fehler meines Lebens“, sagt Kusch heute über „HeimatHamburg“. 2006, nach seinem Austritt aus der CDU, gründete er die Partei. Innere Sicherheit, Abschaffung des Leinenzwangs und Sterbehilfe waren seine Themen.
Kusch wollte einen Coup landen, 0,5 Prozent holte er bei der Bürgerschaftswahl 2008 – das „denkbar verheerendste Ergebnis“ und seine „dramatischste persönliche Niederlage“.
„Die Themenmischung war im Nachhinein absurd“, sagt Kusch. Sterbehilfe sei ein eher linksliberales Thema, innere Sicherheit dagegen rechts. Egal, heute wirft der ehemalige Referatsleiter im Kanzleramt nur noch einen Blick in die Zeitung, wenn sie im Fitnessstudio gratis ausliegt. Politik? Das sei doch nur die „ewige Wiederholung allgemeiner Appelle, ständige Phrasendrescherei und parteiinterne Kungelei“.
Und dann beugt Kusch sich vor und sagt: „Nie wieder will ich Senator werden. Einem Menschen einen großen Wunsch zu erfüllen ist hundert Mal befriedigender als Lobeshymnen in politischen Kommentaren.“ Der „große Wunsch“, das ist der Tod.
21 Personen beförderte der „SterbeHilfeDeutschland e.V.“ im vergangenen Jahr ins Jenseits. „In diesem Jahr wird es eine kleine Steigerung geben“, sagt Kusch. Es klingt wie eine Erfolgsmeldung. 250 Mitglieder hat sein Verein im Alter von 20 bis 94 Jahren. Sie wollen den Zeitpunkt ihres Ablebens selber bestimmen. Und sicher sein, dass Kusch ihnen hilft, wenn die eigene Kraft fehlt.
100 Euro im Jahr kostet die Mitgliedschaft – oder einmalig 1000 Euro. Kusch arbeitet ehrenamtlich. „Letztendlich“, sagt Kusch, ist sein „gesellschaftliches Engagement nur möglich“, weil er rund 4000 Euro brutto monatlich als Ex-Senator erhält, dazu kommen seine Beamtenpension und seine Tätigkeit als Anwalt.
Die Prozedur ist immer gleich: Interviews und ärztliche Gutachten sollen bestätigen, dass der Suizid aus freiem Willen und keiner temporären Laune erfolgt. Dann verschreibt ein Arzt ein potenziell tödliches Medikament. Wenn keine Angehörigen den Suizid begleiten wollen, können oder nichts davon wissen sollen, hilft ein Vereinsmitglied. Wichtig ist: Die Polizei darf im Vorfeld nichts mitbekommen, rechtlich bewegt sich der Verein in einer Grauzone.
Selbst die „Tötungsmaschine“, die er der MOPO vor drei Jahren in seiner von Ole von Beust gemieteten Wohnung am Hansaplatz präsentierte, kam Ende 2010 zum Einsatz: Die Person wollte nach dem Verlust des Ehepartners nicht mehr leben.
Andere waren schwer krank, gelähmt, hilflos oder voller Angst vor dem Pflegeheim. Durchschnittsalter der Selbstmörder: 73 Jahre. Frauenanteil: 71 Prozent. Weil das Thema in Deutschland immer noch tabuisiert wird, sahen sie Kusch als einzige Chance, dem Leben zu entkommen. „In diesem Jahr werden es rund zwei Dutzend sein“, schätzt Kusch und lächelt freundlich.
Roger Kusch kam am 19. August 1954 in Stuttgart zur Welt. Nach dem Abitur 1973 in Esslingen leistete er seinen Wehrdienst ab und begann dann sein Jura-Studium. Seine Doktorarbeit an der Uni Hamburg schrieb er zum Thema „Der Vollrausch“. Mit Vollgas kletterte er die Karriereleiter hinauf. Zunächst auf lokaler Ebene, dann beim Bundesfinanzministerium, von 1995 bis 2000 dann im Kanzleramt. Im September 2000 erfolgte seine Ernennung zum Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof. Ole von Beust holte ihn nach Hamburg, wo er von 2001 bis 2006 als Justizsenator arbeitete. Am 27. März 2006 wurde er wegen der Weitergabe vertraulicher Unterlagen entlassen. Politische Comeback-Versuche scheiterten. Seitdem steht Kusch mit seinem Sterbehilfe-Verein im Fokus der Öffentlichkeit.
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