Passagiere erheben schwere Vorwürfe

„Sie wurden in den Tod getrieben“

Von IRIS KLINGELHÖFER und DIRK AMARELL
Michael und Angelika Liessem aus Mechernich erlebten den Horror auf der „Concordia“.
Michael und Angelika Liessem aus Mechernich erlebten den Horror auf der „Concordia“.
Foto: Thomas Banneyer

Als sie endlich wieder zu Hause im Rheinland waren, ging Christine Hammer (65) aus Königswinter als Erstes in die Kirche und betete...

Mit ihrem Mann Gert (69) war sie auf der „Concordia“, als ihre Mittelmeerkreuzfahrt in der Katastrophe mit fünf Toten endete. „Wir hatten gerade die Vorspeise im Bordrestaurant Milano, dann krachte es“, schildert er den Augenblick, in dem das Schiff den Felsen rammte. Die Weinflaschen kippten um, ein Arzt musste gerufen werden, weil ein Passagier kollabierte.

Nix wie raus! „Draußen trugen schon viele Rettungswesten“, sagt Gert Hammer. Das Ehepaar ergatterte einen Platz in einem der Rettungsboote. „Doch durch die Schieflage konnte man das Boot nicht mehr runterlassen, deshalb mussten wir wieder raus“, schildert er.

Und die Concordia geriet immer mehr in Schieflage: „Das Schiff kippte erst langsam, dann schneller. Wenn da noch jemand in seiner Kabine war, der ist bestimmt nicht mehr rausgekommen. Das Schiff lag inzwischen so schief, dass wir über Leitern 20 Meter runter in Rettungsboote mussten.“

Christine Hammer zog sich sicherheitshalber die Schuhe aus, um nicht auszurutschen: „Ich bekam Panik, habe nur daran gedacht, dass ich da runter muss“, sagt sie.

Ulrike Reumschüssel und Ralf Schneider aus Lohmar sind froh, dass sie das Chaos auf dem Kreuzfahrtschiff überlebten.
Ulrike Reumschüssel und Ralf Schneider aus Lohmar sind froh, dass sie das Chaos auf dem Kreuzfahrtschiff überlebten.
Foto: Thomas Banneyer

Angst, Chaos. Auch Michael Liessem (49) aus Mechernich in der Eifel war mit seiner Frau Angelika und den Freunden Ralf Schneider und Ulrike Reumschüssel aus Lohmar an Bord der „Concordia“.

Der Geschäftsführer eines großen Elektronik-Händlers, für den es die 40. Kreuzfahrt war, erhebt schwere Vorwürfe: „Viele Passagiere standen schon in Schwimmwesten an Deck, doch die Crew-Mitglieder der Concordia ließen sie nicht auf die Rettungsboote.“

Per Lautsprecher seien die Durchsagen gekommen: „Wir haben ein elektrisches Problem. Die Ingenieure arbeiten dran – alles unter Kontrolle.“ Unverständlich für Liessem, schließlich muss der Rumpf der Concordia da schon aufgeschlitzt gewesen sein.

Doch wenig später seien die Passagiere in ihren Schwimmwesten sogar aufgefordert worden, das Deck vier, auf dem die Rettungsboote waren, wieder zu verlassen. „Wir sollten in die öffentlich zugänglichen Bereiche der Decks drei oder fünf gehen. Oder uns zurück in unsere Kabinen begeben“, sagt Michael Liessem.

17 Decks und 1500 Kabinen – ein Traumschiff. Auf Deck neun hatten das Ehepaar Liessem und ihre Freunde steuerbord (rechts) im vorderen Bereich der Concordia ihre Kabinen. Nachdem die „Concordia“ kenterte, liegen sie unter Wasser.
17 Decks und 1500 Kabinen – ein Traumschiff. Auf Deck neun hatten das Ehepaar Liessem und ihre Freunde steuerbord (rechts) im vorderen Bereich der Concordia ihre Kabinen. Nachdem die „Concordia“ kenterte, liegen sie unter Wasser.
Foto: www.nedcruise.info

Am Sonntag fanden Taucher zwei weitere Leichen in ihren überfluteten Kabinen: Zwei ältere Männer, ertrunken. Sie hatten ihre Schwimmwesten an.

Michael Liessem ist fassungslos: „Hunderte Passagiere waren bereit, das Schiff zu verlassen. Als die Aufforderung kam, wieder in die Kabinen zurückzugehen, müssen die gewusst haben, dass das Schiff sinkt. Sie haben Passagiere in den sicheren Tod geschickt.“

Die beiden Ehepaare aus dem Rheinland hatten Glück, dass sie die Durchsagen nicht beachteten. Michael Liessem: „Wir sind schließlich einfach rein ins Rettungsboot. Da lagen die Leute zwar schon übereinander.

Aber es war das vorletzte Boot, das von der Concordia ablegte.“ Nachdem das Schiff kenterte, lagen die Kabinen, die sie auf der Concordia hatten, unter der Wasserlinie, sind überflutet. Hauptsache lebend runter von dem Chaos-Schiff. Die Rheinländer haben es geschafft.

Als Christine Hammer aus Königswinter endlich evakuiert war und festen Boden unter Füßen hatte, schickte sie als Erstes ihrer Tochter Maja eine SMS: „Schiff abgesoffen, wir gerettet. Herzliche Grüße.“

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Datum:  15.1.2012
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