Sie ist eine rasante Mischung aus Lara Croft und Barbie. Mai-Lin Senf ist Europas einzige Motorrad-Stuntfrau, ihr Markenzeichen: die Farbe Pink. Wenn die Blondine auf ihrer fahrenden Maschine turnt, stockt selbst harten Rockern der Atem. Die 25-Jährige hat jede Menge Feuer unterm Hintern.
Der Motor faucht wie eine aggressive Raubkatze. Mai-Lin Senf reißt das Vorderrad in die Luft, nimmt die Hände vom Lenker ihrer 9000-Euro-Höllenmaschine. Kurz darauf lässt sie das Hinterrad auf dem Asphalt durchdrehen. Funken sprühen, rosa Rauch steigt auf, dann explodiert der Reifen. Mai-Lin steigt ab und strahlt. „Das ist der Lieblingstrick aller Zuschauer. Gut, dass Continental mir die Reifen sponsort. So’n Ding kostet 240 Tacken, und ich brauch im Jahr 100 davon!“
Wer die Schöne mit der Model-Figur ohne ihre Lederkluft sieht, käme nie auf die Idee, was für einen Job sie hat. Die gebürtige Pöseldorferin arbeitet als Stuntfrau. „Küstenwache“, „Großstadtrevier“, „Soko Stuttgart“ – als Double fährt Mai-Lin volles Risiko. Und am Ende steht nur ihr Name im Abspann. Dafür ist sie auf Messe und Events die Attraktion. Das Publikum johlt, wenn die Hamburgerin Gas gibt. Mal rast Mai-Lin durchs Feuer, mal lässt sie ihre Honda CBS 600s Flammen speien. Sie stellt sich auf den Sattel, macht einen halben Spagat über den Lenker. „Tanz auf dem Bike“, sagt die 25-Jährige dazu. Es ist wilder Rock’n’Roll. Und der wird im Freihafen geübt.
Im Bermudadreieck zwischen Köhlbrandbrücke, Elbkanal und Industriegelände stört das Motorengeheul keinen, der Boden ist glatt wie ein Babypopo. Perfekt für die Single-Frau, die sich zwar nicht nach Kindern, aber einem tollen Mann an ihrer Seite sehnt. „Ich kriege viel Fanpost, aber so richtig traut sich keiner an mich ran. Muss an meinem Beruf liegen.“
Früher war Mai-Lin Zahntechnikerin. Als sie auf einer Motorradmesse sah, wie Stuntmänner ihre Motorrädern rumwirbelten, wusste sie: „Das will ich auch.“ Nach dem ersten Workshop, bei dem sie Wheelies, also das Fahren auf einem Reifen, lernte, kaufte sie sich die erste Stuntmaschine und ließ sie aufpimpen.
Heute ist ihr Bike ein Wunderwerk der Technik, James Bond würde vor Neid erblassen. Die Übersetzung hat 65 Zähne, im ersten Gang schnellt die Drehzahl hoch – man braucht viel Antriebskraft, um das Vorderrad im Schritt-Tempo hochreißen zu können. Mai Lin zeigt auf den Crash-Bügel an der Seite, sagt: „Der ist ein Muss – beim Training legt man sich oft hin. Meine blauen Flecken kann ich gar nicht mehr zählen, aber mein Bike, das sieht noch aus wie neu!“ Am Heck ist ein Fußtritt für akrobatische Showeinlagen. Die Flammenwerfer sind an die Benzinpumpe angeschlossen, der Knopf dafür am Lenker.
Was steuert sie als nächstes an? „Im Sommer bin ich gut gebucht. Aber einen Wunsch hätte ich noch: Ich würde gern die Parade der Hamburger „Harley Days“ anführen. Und einen großen Film mit Hollywood-Action drehen, einen, bei dem man mein Gesicht auch mal sieht.“ Ganz klar, verstecken braucht sich diese Frau nun wirklich nicht!
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