Benannt nach Sklavenhändlern und Mördern

Das sind Hamburgs Straßen der Schande

Von Malte Steinhoff
Cornelia Stoye (57) von der GAL Wandsbek kämpft  für eine Umbenennung des Dominikwegs in Jenfeld.
Cornelia Stoye (57) von der GAL Wandsbek kämpft für eine Umbenennung des Dominikwegs in Jenfeld.
Foto: Marius Röer

Sie gingen als der „Schrecken von Kamerun“ oder der „Direktor des Sklavenhandels“ in die Geschichte ein. Sie waren Steuermänner auf Sklavenschiffen und Anführer blutiger „Strafexpeditionen“. Was die wenigsten wissen: Diese Männer, die es durch ihre Gräueltaten in fernen Ländern zu zweifelhaftem Ruhm gebracht haben, sind – auch noch im Jahr 2011 – Namensgeber für Hamburger Straßen.

Hans Dominik (1870-1910) war ein Rassist alter Schule. Sein Grundsatz: „Die Neger müssen wissen, dass ich der Herr bin und der Stärkere; solange sie das nicht glauben, müssen sie es eben fühlen, und zwar hart und unerbittlich, so dass ihnen für alle Zeiten das Auflehnen vergeht.“ Als Chef der „Kaiserlichen Schutztruppe“ in Kamerun leitete der Offizier mit dem Zwirbelbart ungezählte „Säuberungs- und Strafaktionen“.

Mit dem Ruf „Weidmannsheil“ begab sich Hans Dominik auf Menschenjagd. Hinterher war mancher Stamm „kaum mehr als dem Namen nach vorhanden“. Mit der Nilpferdpeitsche unterm Arm stolzierte der Brandenburger durch die Straßen Afrikas. In den Dörfern von Aufständischen ließ Dominik, der bald den Beinamen „Der Schrecken von Kamerun“ weghatte, seine sudanesischen Söldner auf die Menschen los. Fasziniert schrieb er über das Wüten seiner Männer: „Echt afrikanisch – mit dem Bajonette – hatten die Sudanesen gearbeitet.“ Bei seinen Strafaktionen habe er „die Bestie im Menschen entfesselt gesehen“. Seit 1947 heißt eine Straße in Jenfeld – in Erinnerung an den „Schrecken von Kamerun“ – Dominikweg.

Während Nazi-Größen und andere umstrittene historische Personen mittlerweile fast restlos aus den Straßenregistern getilgt wurden, sind die Verbrecher aus Kolonialzeiten in Hamburg noch immer prominent vertreten. Die Organisation „Freedom Roads“ (freedom-roads.de) hat eine Liste von 114 Hamburger Straßennamen erstellt, die einen „eindeutigen Kolonialbezug“ haben. Bei vielen Namensgebern handelt es sich um Geschäftsmänner, die in deutschen Kolonien (mal mehr, mal weniger fragwürdigen) Geschäften nachgegangen sind. Andere, wie Hans Dominik, Joachim Nettelbeck, Alfred von Waldersee, Hermann von Wißmann oder die Familie Schimmelmann, stehen – nicht ausschließlich, aber auch – exemplarisch für das Leid, das im Namen Deutschlands in Übersee angerichtet worden ist (siehe Bildunterschriften).

Hamburgs Straßen der Schande

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„Durch diese Namen werden in Hamburg lebende Afrikaner täglich auf zynische Weise an das Leid ihrer Vorfahren erinnert“, sagte Cornelia Stoye von der GAL Wandsbek. „Das ist eine Tatsache, die nicht akzeptabel ist. Schon gar nicht im Jahr 2011.“ Für die „Entkolonialisierung“ der Straßennamen lassen sich allerdings nur selten politischen Mehrheiten finden. Das Hauptargument der Änderungsgegner: „Jede geschichtliche Epoche hat ihre Berechtigung, auch der Kolonialismus“, sagt Silke Bertram von der Wandsbeker CDU. „Wir sollten die Geschichte nicht generationsweise neu umkrempeln und neu kommentieren.“ Hinzu komme, dass Umbenennungen „höchst kostenintensiv“ seien. Die Änderung eines Straßennamens kostet etwa 10000 bis 20000 Euro. Dennoch, so Bertram, könne es in einigen „sehr schwerwiegenden“ Fällen angebracht sein, die Straße umzubenennen.

In München haben sich Gegner und Befürworter derweil auf einen Kompromiss geeinigt: Unter den Straßenschildern wurden kleine Zusatztafeln angebracht, auf denen die geschichtsträchtigen Namen erläutert werden. Auf diese (kostengünstige) Weise „entschärfte“ die Stadt vor zwei Jahren gleich 28 Kolonial-Straßen auf einen Schlag. Seitdem erfahren beispielsweise die Besucher der Dominikstraße in München-Bogenhausen, dass der Namensgeber „als Offizier verantwortlich für brutale Unterdrückungsmaßnahmen und Hinrichtungen in der deutschen Kolonie Kamerun“ gewesen ist.

Seitens der Anwohner hielt sich die Begeisterung über die neue Plakette in Grenzen. Einige meldeten sich beim Stadtrat und klagten, sich nun „in eine Ecke gestellt“ zu fühlen.

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Datum:  5.4.2011
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