Veddel

Auf Patrouille in Hamburgs Bronx

Von Olaf Wunder und Patrick Lux

"Kiezläufer“ nennen sie sich, und es gibt sie in Hamburg bisher nur auf der Veddel: Junge Erwachsene, die nachts durch die Straßen patrouillieren, Jugendliche von Gewalt und Drogen abhalten, mit ihnen Fußball spielen und ihnen manchmal sogar einen Ausbildungsplatz vermitteln. So erfolgreich ist das Projekt, dass es jetzt auf Problem-Stadtteile aller Bezirke ausgedehnt werden soll.

Zwei der achtköpfigen „Kiezläufer“-Truppe von der Veddel: Ayhan Altun (34, l.) und Selim Sarikaya (22).  Altun arbeitet tagsüber als Handelsvertreter für Wellness-Produkte, Sarikaya macht eine Lehre als Speditionskaufmann.
Zwei der achtköpfigen „Kiezläufer“-Truppe von der Veddel: Ayhan Altun (34, l.) und Selim Sarikaya (22). Altun arbeitet tagsüber als Handelsvertreter für Wellness-Produkte, Sarikaya macht eine Lehre als Speditionskaufmann.
Foto: patrick-lux.de

„Hamburgs Bronx“ – so nennen Einheimische die Veddel scherzhaft. Es ist Freitagabend. Eiskalter Wind bläst an den rotgeklinkerten Wohnblöcken entlang. Zielsicher steuert Ayhan auf einen Hauseingang zu. „Tschsch!“, zischt er. „Ganz leise! Sonst hauen die uns ab.“ Als er mit dem Generalschlüssel lautlos die Tür zum Keller geöffnet und wie auf Katzenpfoten die Treppe nach unten gelaufen ist, wird klar, wen er gemeint hat: drei Jungs, die sich auf einer speckigen Couch lümmeln und Marihuana-Wolken in die Luft blasen. Die Zeit, die Joints noch schnell verschwinden zu lassen, haben sie nicht.

Jetzt geht das Donnerwetter los. Auf Türkisch. Dem Ersten stehen schon bald Tränen in den Augen. „Ich mach’s nie wieder. Ja, wir werden hier unten alles sauber machen. Nein, bitte, sagt nichts der GWG.“ Später verrät Ayhan, womit er den Delinquenten gedroht hat: dass den Eltern die Wohnung gekündigt wird. „Und als sie mir versprochen haben, es nie mehr zu tun, habe ich mich mit ihnen zum Essen verabredet“, sagt Ayhan. Er hofft, jetzt Zugang zu ihnen zu finden.

Ayhan Altun, 34, Handelsvertreter, auf der Veddel groß geworden. Lange war er Leiter im Jugendclub. Vor zwei Jahren bekam er mit, wie Dealer Jugendliche zum Drogenkonsum verführten. „Als ich sah, wie ein 13-Jähriger beinahe vor die Hunde ging, habe ich gesagt: ,Jetzt reicht’s!‘“ Von da an begann er, abends seine Runden zu drehen.

Turnschuhe, Kapuzenshirt, Bomberjacke: Die Jugendlichen bemühen sich, cool und bedrohlich auszusehen, sind aber harmlos. Dunyabin (16), Omar (15), Bilal (14) und Volkan (14, v.l.) im Gespräch mit den beiden „Kiezläufern“.
Turnschuhe, Kapuzenshirt, Bomberjacke: Die Jugendlichen bemühen sich, cool und bedrohlich auszusehen, sind aber harmlos. Dunyabin (16), Omar (15), Bilal (14) und Volkan (14, v.l.) im Gespräch mit den beiden „Kiezläufern“.
Foto: patrick-lux.de

Seit März 2010 tut er es nicht mehr allein: Mit Unterstützung der Polizei und der SAGA/GWG-Tochter „Pro Quartier“ wurde aus Ayhan Altuns Privatinitiative ein Pilot-Projekt. Acht „Kiezläufer“ gibt es heute. Sie sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, alle auf der Veddel zu Hause. Das Geheimnis ihres Erfolgs: Sie sprechen die Sprache der Straße. Und sie kennen die Sorgen der Menschen im Stadtteil. Wissen um die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit von Kindern, die in Hartz-IV-Familien aufwachsen. Und davon gibt es auf der Veddel mehr als sonstwo in Hamburg.

Drogen – aus Ayhans Sicht das Problem Nummer eins. „Vor 20 Jahren hatten wir auf der Veddel geschätzt zehn Kiffer, jetzt sind es 50, 60“, sagt er. „Und ich meine: richtige Kiffer! Solche, die fünf, sechs Joints am Tag rauchen!“ Ayhan weiß, dass er die, die schon abhängig sind, kaum noch erreichen kann. „Aber ich kann dafür sorgen, dass die anderen nicht genauso werden wie sie.“

Wie er das macht? Zum Beispiel so: Vor einer Kneipe trifft Ayhan auf sieben Jugendliche, die im Freien rumstehen, abhängen, sich langweilen. „Was sollen wir schon machen? Nix los hier.“ Also macht Ayhan Vorschläge: „Wie wär’s, wenn wir alle zusammen ins Kino gehen? Oder zum Bowlen? Oder Sport? Was wollt ihr?“

Dunyabin (16): Er besucht die Schule Slomanstieg. Mit seiner Geste will er zum Ausdruck bringen: „Mein Herz schlägt für die Veddel.“ Aber obwohl sich die Jugendlichen stark mit ihrem Wohnort identifizieren, klagen sie über mangelnde Freizeitmöglichkeiten, wenig Abwechslung und kaum vorhandene Ausbildungsplätze. Weil da manche auf dumme Ideen kommen, werden die  „Kiezläufer“ aktiv.
Dunyabin (16): Er besucht die Schule Slomanstieg. Mit seiner Geste will er zum Ausdruck bringen: „Mein Herz schlägt für die Veddel.“ Aber obwohl sich die Jugendlichen stark mit ihrem Wohnort identifizieren, klagen sie über mangelnde Freizeitmöglichkeiten, wenig Abwechslung und kaum vorhandene Ausbildungsplätze. Weil da manche auf dumme Ideen kommen, werden die „Kiezläufer“ aktiv.
Foto: patrick-lux.de

Und die „Kiezläufer“ reden nicht nur, sie halten Wort. Das hat auch Mehmet erfahren, ein 16-Jähriger, der keinen Schulabschuss hat und keinen Ausbildungsplatz fand – bis Ayhan ihm unter die Arme griff und Kontakt zu einer Reihe von Arbeitgebern aufnahm, die bereit sind, Problem-Jugendlichen eine Chance zu geben. Für Mehmet fand Ayhan eine Stelle als Einzelhandelskaufmann. „Na, hast du den Job jetzt?“, will der „Kiezläufer“ wissen, als der Junge ihm an diesem Abend über den Weg läuft. Freudestrahlend umarmt er Ayhan. „Gestern war Vorstellungsgespräch“, erzählt Mehmet „Ich glaube, ich kriege die Stelle! Danke!“

Noch ein paar Einsätze hat Ayhan an diesem Abend. Vor dem S-Bahnhof hängt eine Gruppe Jugendlicher ab, und ankommende Fahrgäste wechseln vor Angst lieber die Straßenseite. Ayhan geht hin, begrüßt jeden Jugendlichen mit Wangenkuss, sagt ein paar Worte, schon sind die Jungs weg, suchen sich einen anderen Treffpunkt.

„Die Kids sehen in mir so etwas wie den großen Bruder“, erklärt Ayhan den fast magischen Einfluss, den er auf sie hat. „Und unter Türken wird einem großen Bruder stets größter Respekt entgegengebracht.“

Und gegen Mitternacht muss er diesen Respekt noch einmal einfordern: Es droht eine Schlägerei an der S-Bahn. Wilhelmsburger Jugendliche wollen sich an Gleichaltrigen von der Veddel rächen. Ayhan rast hin, schnappt sich die Anführer. Zwei Minuten dauert es, dann schütteln die Kontrahenten einander die Hand und gehen friedlich nach Hause.

Eine Audio-Slideshow zu den "Kiezläufern" finden Sie hier.

Unterwegs in Hamburgs Bronx

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Datum:  19.2.2011
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