Heute ist in Hamburg erster Schultag. Und im Schulsystem soll sich in Zukunft vieles ändern. Die MOPO sprach darüber mit Professor Peter Struck von der Uni Hamburg. Ab morgen ist seine Schulkolumne wieder jeden Freitag in der MOPO zu lesen.
MOPO: Hamburg steht vor umwälzenden Reformen. Frühere Einschulung, längere gemeinsame Grundschulzeit, mehr Ganztagsschulen. Was halten Sie davon?
Peter Struck: Hamburg hält sich dabei an eine weltweite Tendenz, die völlig richtig ist. Überall geht der Trend dahin, die Kinder früher einzuschulen und die Grundschulzeit zu verlängern. Die erfolgreichsten PISA-Länder haben sogar eine neunjährige gemeinsame Grundschule. Und auch die typisch deutsche Halbtagsschule ist überholt.
MOPO: Muss man nicht den Eltern die Entscheidung überlassen, ob ihre Kinder bis 16 Uhr in der Schule sitzen?
Struck: Deutschland hat von allen Ländern die dicksten Lehrpläne, das passt nicht zu einer Halbtagsschule. Zudem ist fürs Lernen wichtig, dass auf Phasen der Anspannung auch Phasen der Entspannung folgen. Kinder können nicht gut lernen, wenn sie Schlag auf Schlag Mathematik, Deutsch und Englisch haben. Diese Fächer müssen über den Tag verteilt werden und in einen Rhythmus eingefügt werden.
MOPO: Im Unterricht fällt immer öfter der 45-Minuten-Takt weg, und es gibt auch jahrgangsübergreifenden Unterricht mit Kindern verschiedener Altersstufen. Fördert das den Lernprozess?
Struck: Ja. Studien belegen, dass es für die Schüler mehr Erfolg bringt, etwa in Klasse eins und zwei gemeinsam unterrichtet zu werden. Denn schwache ältere Schüler können jüngeren etwas erklären und erleben so nicht immer Niederlagen. Zudem lernen Kinder durch eigenes Erklären vier Mal mehr als durch den Vortrag von Lehrern.
MOPO: Was ist wichtig, damit Kinder gut lernen?
Struck: Es reicht nicht, dass Schüler zuhören, um etwas dauerhaft zu lernen. Sie müssen die Möglichkeit haben, es selbst auszusprechen. Ein deutscher Schüler spricht in 45 Minuten im Schnitt nur eine Minute lang. Ein finnischer Schüler acht Minuten - das ist schon ein Unterschied. Wichtig ist auch die Gelegenheit, das Gelernte in Präsentationen anzuwenden.
MOPO: Sind Hamburgs Lehrer den neuen Anforderungen gewachsen?
Struck: Nein, überhaupt noch nicht. Es bedarf intensiver Fortbildungen. Die Schüler sollen laut Bildungsbehörde in Zukunft weniger sitzenbleiben. Zudem können sie nicht mehr einfach auf eine andere Schule geschickt werden, wenn sie einen Jahrgang oder den Abschluss nicht schaffen. Lehrer können Schüler also nicht mehr loswerden. Das sorgt für ganz neue Situationen, auf die Lehrer sich einstellen müssen. Noch werden Lehrer viel zu sehr in Fächern ausgebildet und zu wenig in Kompetenzen wie Bewegungserziehung, Ernährungskunde, Diagnostik.