Weil er seine Tickets für den HVV nicht bezahlen kann, muss Martin D. (63) jetzt ins Gefängnis. Der Hartz-IV-Empfänger aus Billstedt weigerte sich, sich freizukaufen und seine Strafe abzuarbeiten - und zieht nun für 30 Tage in die JVA Billwerder.
Drei Mal wird Martin D. beim Schwarzfahren erwischt. "Das war mir jedes Mal entsetzlich peinlich", sagt der 63-Jährige. Eine Strafe ist fällig. Er hat die Wahl zwischen drei Varianten: entweder 30 Tagessätze á acht Euro (also 240 Euro insgesamt) oder 30 Tage jeweils sechs Stunden soziale Arbeit - oder eben 30 Tage Gefängnis. Die Tagessätze kann und will der Arbeitslose nicht bezahlen, bei der Arbeit vermutet er weitere Fahrtkosten. Also entschließt sich D. für die 30 Tage in der JVA Billwerder. Heute Mittag wird D. in Billwerder "einchecken". Als Gepäck nimmt er ein paar Kleidungsstücke, einen Notizblock, Taschentücher und eine Packung Instantkaffee mit.
D. bekommt im Monat 351 Euro vom Staat. Abzüglich Nebenkosten bleiben dem Alleinstehenden rund 260 Euro zum Leben. Eine Monatskarte für den Großbereich beim HVV kostet Hartz-IV-Empfängern derzeit 80 Euro (siehe Info-Kasten). "Ich betrüge nicht, ich schummel nur manchmal beim HVV", sagt der Hamburger.
Früher, als D. noch Arbeit hatte, wäre es wahrscheinlich niemals so weit gekommen. Damals lebte der gelernte Grafiker noch in der Nähe der Alster. Er hatte einen gut laufenden Copyshop an der Rothenbaumchaussee. Für Fahrten mit dem HVV bezahlte er jedes Mal. Dann, Anfang der 90er, liefen die Geschäfte immer schlechter. D. musste den Laden aufgeben. Jetzt ist Martin D. 63 Jahre alt und arbeitslos. Weil das Geld für die Miete fehlte, musste er von Rotherbaum nach Billwerder ziehen. "Ein neuer Job ist illusorisch", glaubt er.
Die Entscheidung "Knast statt Karte" fällte Martin D. ganz bewusst: "Natürlich macht es mir keinen Spaß, erwischt zu werden, aber es ist die günstigste Lösung. Bei den Fahrkarten kann man am besten sparen." Aber D. will mit seinem Gang ins Gefängnis auch ein kleines bisschen die deutsche Justiz ärgern: "Ich verstehe nicht, warum sich die Stadt auf so ein schlechtes Geschäft einlässt: Ein Tag Haft kostet pro Person rund 250 Euro. Das sind 7500 Euro ingesamt." 2006 musste Martin D. schon einmal für 20 Tage in den Bau. Ebenfalls wegen Schwarzfahrens.
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