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WRESTLING

Der Gladiator von Barmbek

Karsten Kretschmer sagt, Wrestler seien die Gladiatoren der Neuzeit. Hier gebe es noch das, was seit Jahrtausenden gleich geblieben sei: den Kampf Mann gegen Mann. Als Mann brauche man das, sagt Kretschmer. Das suchen die Männer, die nach ihren Jobs zum Training kommen. Na gut, ein paar Frauen kommen auch. Über sie sagt er: "Ich weiß, dass die meisten Frauen, die hier wrestlen, Emanzen sind." Das möge er nicht.



Die Gladiatoren der Neuzeit trainieren im "Nordisch Fight Club", einer Trainingshalle in Barmbek. Boxsäcke hängen von der Decke, Zeitungsausschnitte kleben an der Wand. Erfolgsgeschichten vergangener Kämpfe. Kretschmer ist amtierender Weltmeister in der Organisation "Nordic Championship Wrestling". Er sagt, er sei der einzige Profi Hamburgs. Er unterrichtet Wrestlen, geht in Schulen, bringt Kindern bei, dass es um den Sport geht, und nicht darum, sich gegenseitig wehzutun.



Kretschmer wohnt in Rahlstedt. Er hat ein Himmelbett aus Metall, eine Einbauküche und ein Wohnzimmer in Apricot. Im Wohnzimmer hängt ein Bücherregal, in dem zwei Bücher stehen: eines davon handelt vom Ringen und das andere ist ein Englisch-Wörterbuch. Daneben steht eine lange Reihe DVDs. Actionfilme, eine Aufzeichnung von Richter Alexander Hold, in der Kretschmer selbst mitgespielt hat. Und Aufzeichnungen von Turnieren, in denen er gekämpft hat. Mal trägt Kretschmer dabei ein goldenes Paillettencape, mal einen Lederlendenschurz.



Kretschmers Körper ist ein einziger Kraftakt, zu dessen Instandhaltung ein Fitnessstudio, ein Solarium, viel Magerquark und noch mehr Disziplin nötig sind. Gerade hat er 99 Kilo Kampfgewicht. 100 sind das Optimum. Mit der Waage misst Kretschmer nicht nur sein Gewicht, sondern auch seinen Erfolg.



Kretschmer sagt, er sei ein Klischeekind gewesen: schmächtig und in der Schule gehänselt. Damals sagte der Vater: Geh zum Ringen! Und niemand wagte es mehr, ihn zu hänseln. Nach der Lehre ist es wieder der Vater, der ihm rät: Werde Wrestler auf dem Jahrmarkt! Anderthalb Jahre fährt er durch Deutschland. Nachts schläft er mit zwei Boxern in einer Kabine und tagsüber kämpft er gegen jeden, der mutig genug ist. Einmal zwischen Hamburg und Stuttgart hat er Liebeskummer. Irgendein Pechvogel steht ihm an diesem Tag im Ring gegenüber. Kretschmer ist fast wahnsinnig vor Schmerzen und prügelt sich die Seele aus dem Leib. "Ich hätte damals fast einen zerstört", sagt Kretschmer heute dazu. Was er nicht sagt, ist, was es in ihm selbst zerstört hat. Man kann es nur ahnen, wenn er Sätze sagt wie: "Die Liebe schadet einem Kämpfer."



So hat Kretschmer im Laufe seines Lebens versucht, sich unangreifbar zu machen. Jetzt hat er es mit einem neuen Gegner zu tun: dem eigenen Körper, der schmerzt und altert. Im Herbst hatte er einen doppelten Bandscheibenvorfall. Kretschmer sagt, in den drei Monaten habe er nicht trainieren können. Und er hatte Angst, um seinen Beruf, um seine Karriere. "Da stand ich nun und fragte mich: Kann es das schon gewesen sein?" Kretschmer hatte Glück und wurde gesund. Zwölf Kämpfe hat er seitdem wieder gehabt. Was bleibt, sind die Schmerzen nach jedem Auftritt. Am Tag danach muss er sich an den Gitterstäben seines Betts hochziehen.



In den nächsten Wochen wird er sein Trainingspensum erhö-hen, auf sieben Einheiten pro Tag. Dann stemmt er Hanteln, joggt und steigt wieder in den Ring. Im Dezember will er seinen Weltmeistertitel in Recklinghausen verteidigen. Kretschmer sagt, er kämpfe, um sich zu beweisen, dass er noch mithalten könne. Er ist jetzt 34 Jahre alt und eigentlich im besten Wrestler-Alter. Doch die Konkurrenz wartet nur darauf, ihn vom Thron zu stoßen. Kretschmer wird sich diesen Gegnern stellen. Wenn es nach ihm geht, mindestens noch zehn Jahre.

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Datum:  30.8.2009
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