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WILHELMSBURG - STADTTEIL DER ZUKUNFT

Wasseridylle auf der Elbinsel

Man kann sich einer Insel ja auf viele Arten nähern. Über eine Brücke etwa. Oder durch einen Tunnel. Gilt für Wilhelmsburg natürlich auch - der Blick von der Köhlbrandbrücke weitet das Herz, und der Paternoster runter zum Alten Elbtunnel wird heiß geliebt. Aber der allerbeste Weg, eine Insel zu entdecken, ist: vom Wasser aus. Im Fall von Wilhelmsburgs heißt das: rauf auf die Kanäle.



Langsam schiebt das Boot sich vorwärts, durch die üppigen Uferpflanzen fällt grünes Licht. Man könnte sich am Amazonas wähnen, na ja, vielleicht nicht ganz, aber am Alsterlauf mindestens. Aber nur für Momente, dann tauchen Mehrfamilienhäuser auf, Kleingärten, Hochhäuser, und wenig später erhebt sich direkt am Ufer ein gigantisches Gebirge. "Hier türmt sich die Weltwirtschaftskrise auf", erklärt der Barkassen-Kapitän. Container. Hier, am Jaffe-Davids-Kanal, stapeln sich die Kisten bis in den Himmel. Für die Industrie wurden die vier Kanäle einst gegraben, Ernst-August-Kanal, Veringkanal, Aßmann- und Jaffe-Davids-Kanal. Heute sind sie ein Freizeitparadies.



Noble Villen, die in anderen Stadtteilen am Wasser stehen, gibt's in Wilhelmsburg nicht. Dafür den wahrscheinlich charmantesten Biergarten, den eine Barkasse auf dieser Welt ansteuern kann: "Zum Anleger" heißt die Idylle am Ernst-August-Kanal. "Wir haben Wilhelmsburg schon aufgewertet, als noch keiner von der Gartenschau geredet hat", sagt Pächter Qazim Dreshaj (54). Zusammen mit Ehefrau Ljiljana (50) und den Töchtern Suzana (27) und Sofia (22) hat der Kosovo-Albaner aus einem verkrauteten Grundstück eine Oase geschaffen, in der Oldies aus den Lautsprechern säuseln, sich Lehrer zum Kollegiumsausflug treffen, Verliebte ein Schwanen-Tretboot mieten und Wilhelmsburger ihre Familienfeste feiern. Warum nur Deutsche auf den strahlend weißen Plastikstühlen sitzen? Da zuckt der Wirt die Achseln: "Das ist in Wilhelmsburg so, das mischt sich nicht doll hier."



1852 wurde der Ernst-August-Kanal ausgehoben und nach dem damals siebenjährigen Kronprinzen von Hannover benannt. Hinter dem Biergarten zweigt seit 1924 der Aßmann-Kanal ab. Für die Gartenschau 2013 soll er verlängert werden, damit die Barkassen voller Blumenfreunde vom Hamburger bis zum Wilhelmsburger Rathaus durchschippern können.



"Ja, da wird hier ganz schön Verkehr sein", sagt Kleingärtner Dirk Schölker (48), Bierchen in der Hand. Er hat den Vereinsnamen "Sommerfreude" umgesetzt und mit 78 Schubkarren Sand seinen persönlichen Mini-Beachclub in seinen Schrebergarten am Kanal gezaubert.



Ein paar Kilometer entfernt, am Südeingang des Alten Elbtunnels, arbeitet Mathias Lintl (42) an "Puffel". Das 50 Jahre alte Fischerboot fristete sein Dasein als Wrack, jetzt wird es vom Verein "Kunst Bauen Stadtentwicklung" fit gemacht: "Puffel soll die erste Fahrradfähre für Wilhelmsburg werden", erklärt Umweltwissenschaftler Lintl: "Sie soll Radler von Ochsenwerder und Bullenhausen an die Bunthäuser Spitze übersetzen." Hoffentlich ab Mai 2010.



Am Stübenplatz im Reiherstiegviertel steht das "Alte Deichhaus". Früher konnte man hier tatsächlich noch den Deich sehen, inzwischen entsteht hinter dem Haus eine Wohnanlage. Das hübsche, kleine Gebäude mit dem freundlichen Giebel ist eines der ältesten Häuser der Insel. In anderen Stadtteilen wäre ein schickes Café drin, in Wilhelmsburg finden hier die Ärmsten eines armen Stadtteils Hilfe: Das malerische Häuschen ist Sitz der Wilhelmsburger Arbeitslosen-Initiative und Ausgabestelle der "Tafel".



Der frühere Pastor Hildebrandt Henatsch (74), Mitbegründer der Initiative, ist froh, dass der Blick auf "sein" Wilhelmsburg sich langsam wandelt: "Dieser Stadtteil ist so voller Naturschönheiten, so aktiv und voller Ideen, es ist gut, dass die Zeiten vorbei sind, als man an Wilhelmsburg lieber schnell vorbeifuhr." Jetzt schippert man extra hin.



Weitere Infos im Internet unter: www.zum-anleger.de, www.bar kassenfahrt.de, www.puffel.info

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Datum:  9.8.2009
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