Washington - Barack Obama hat sich für Erfahrung und Kontinuität entschieden: Der designierte Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten will mit dem langjährigen Senator Joseph Biden als seinem Stellvertreter ins Weiße Haus einziehen.
Obama informierte in der Nacht zum Samstag zunächst seine Basis über die Benennung des 65-Jährigen zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten. Senatorin Hillary Clinton pries Biden in einer ersten Stellungnahme als einen «außergewöhnlich starken, erfahrenen Führer», der dem öffentlichen Wohl seit langem zutiefst verpflichtet sei.
Obama wollte Biden am Nachmittag (Ortszeit) auf einer Kundgebung in Springfield in seinem Heimatstaat Illinois der Öffentlichkeit präsentieren. In Springfield hatte der schwarze Senator vor 19 Monaten seine eigene Präsidentschaftsbewerbung angekündigt. Als die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl seines Stellvertreters hatte Obama in einem Interview des TV-Senders CBS die Fähigkeiten des zweiten Mannes bezeichnet, im Falle eines Falles selbst Präsident zu werden sowie ihm, Obama, beim Regieren zu helfen. «Ich möchte jemanden, der in der Lage ist, mein Denken herauszufordern und der nicht einfach ein Ja-Sager ist.»
Biden ist seit 1973 Senator für den Bundesstaat Delaware und gilt als einer der erfahrensten US-Außenpolitiker. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind im Kongress berühmt und gefürchtet. Der Vorsitzende des Auswärtigen Senatsausschusses ist ein gewiefter Wahlkämpfer. Schon mit 29 Jahren zog er in den Senat ein. Zweimal, 1988 und in diesem Jahr nahm er vergeblich Anlauf, selbst Kandidat seiner Partei für die Präsidentenwahl zu werden.
Das Wahlkampflager des republikanischen Kandidaten John McCain nutzte die Entscheidung für Biden zu einem neuen Angriff auf Obama. «Es gibt keinen schärferen Kritiker an Barack Obamas fehlender Erfahrung als Joe Biden», meinte der Sprecher McCains, Ben Porritt. Biden habe im Wahlkampf insbesondere Obamas außenpolitische Vorstellungen kritisiert, wie etwa einen zu überhasteten Abzug aus dem Irak. In Umfragen zur Präsidentenwahl am 4. November liegen Obama und McCain dicht beieinander. Der ursprüngliche Vorsprung Obamas ist in den vergangenen Wochen geschrumpft.
Der US-Sender NBC hatte schon am Freitagabend berichtet, dass zwei bislang «heiße Anwärter» auf die Vize-Kandidatur bei den Demokraten - Senator Evan Bayh aus Indiana und Virginias Gouverneur Tim Kaine - aus dem Rennen seien. Auch Hillary Clinton, die bei den Vorwahlen nur knapp Obama unterlegen war, zählte zu den Anwärtern. Diese Option galt aber als unwahrscheinlich.
Am Montag beginnt in Denver (Bundesstaat Colorado) der Nominierungsparteitag der demokratischen Partei, zu dem über 50 000 Gäste, darunter 15 000 Medienvertreter, kommen sollen. Als Höhepunkt des viertägigen Ereignisses gilt der Donnerstagabend, wenn Obama vor 76 000 Anhängern im Football-Stadion der Stadt die Nominierung zum Kandidaten offiziell annehmen wird. An diesem 28. August hatte vor genau 45 Jahren der Bürgerrechtler Martin Luther King seine berühmte Rede «Ich habe einen Traum» über die Rassengleichheit in den USA gehalten.