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VOR GERICHT

Mitleids-Show

Prozessbeginn gegen den Todesstalker vom Karoviertel: Vor Gericht versuchte Türsteher Ali U. (37) sich gestern als liebender Mann und Vater dar zu stellen - der Mann, der am 26. März nach monatelangen Nachstellungen seine Ex-Freundin in der Küche erschoss, während der gemeinsame achtjährige Sohn im Nebenzimmer spielte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Totschlag vor. Das Selbstmitleid des Täters war für den älteren Bruder des Opfers unerträglich: Ahmet T. sprang kurz vor Ende der Verhandlung auf, schrie: "Du lügst! Du lügst die ganze Zeit!" Er musste aus dem Saal geleitet werden.



Schon am Morgen ist die Atmosphäre im Gerichtssaal zum Zerreißen gespannt, als die Familie des Opfers sich weinend in den Armen liegt, bevor die Mutter und die Brüder ihre Plätze einnehmen. Mit hasserfüllten Blicken fixiert Ahmet T. den Mann, der seine Schwester getötet hat. Was folgt, ist eine stundenlange Aussage des Ali U., die sich zumeist um die Frauen in seinem Leben dreht: Seine erste Liebe, die ihn betrogen habe, die anschließende Verlobung mit einer anderen Frau, die er schnell wieder löste, die unglückliche, arrangierte Ehe kurz darauf. Beiläufig erwähnt er, dass er zu 13 Monaten Haft wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurde, weil er im April 1999 seine Frau mit einem Gummiknüppel geschlagen hatte.



Aysin, das spätere Opfer der Todesschüsse, war eine Freundin seiner damaligen Ehefrau und ebenfalls verheiratet. "Nach dem ersten Kuss war es um uns geschehen", sagte der Angeklagte und rühmt die Tote unter Tränen als "tolle Frau, das Beste, was ich im Leben hatte." Der Bruder hört die blumigen Worte, mahlt mit den Kiefern, fast zum Sprung bereit.



Ali und Aysin trennten sich von ihren Ehepartnern, 2000 kommt der gemeinsame Sohn zur Welt, den Ali U. offiziell nie anerkennt: "Weil wir die Unterstützung vom Amt brauchten." Das Glück endet , als Ali U. eine Affäre beginnt. Im Herbst 2007, nach einem Jahr Streit, verlässt Aysin ihren untreuen Freund - und der verfolgt sie fortan mit seiner Eifersucht.



Ein neuer DVD-Spieler lässt ihn argwöhnen, dass sie einen neuen Freund habe, er kontrolliert ihre Handyrechnungen, lauert ihr auf. "Meine ganze Welt war kaputt", jammert er, der längst wieder eine neue "Verlobte" hatte. Am 5. Februar 2008 kommt es zum Gewaltausbruch: Ali bedroht Aysin mit einem Messer, schlägt sie in ihrer Wohnung in der Glashüttenstraße zusammen. Der Sohn sah zu. Ali U.: "Ich sagte ihm, wir machen nur Spaß."



Aysin zeigt ihn an, das Gericht erlässt eine Einstweilige Verfügung. Ali U. darf sich seiner Ex-Freundin und dem Kind nicht mehr nähern.



Am 26. März geht er trotzdem wieder hin, diesmal mit einer Pistole im Hosenbund. Ali U., der jeden McDonalds-Besuch mit seinem Sohn ausführlichst schildert, kann sich an die Todesschüsse in der Küche angeblich nicht erinnern: "Ich sah nur, wie sie kippte. Ich muss es gewesen sein."



Aysin starb mit fünf Kugeln im Körper, vor den Augen ihres Sohnes: "Er stand da und sagte `Papa, was hast du getan?' Ich sagte, ich habe nichts getan. Er sagte: `Papa, du hast geschossen, du musst den Krankenwagen rufen.' Ich rief die Polizei und sagte `ich glaube, ich habe meine Frau erschossen." Fortsetzung Montag.

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Datum:  12.9.2008
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