Mit tibetischem Glücksschal, vor 10000 Zuschauern, Stirn an Stirn mit dem Dalai Lama - so zeigte sich Judith Holofernes (31) vor einem Jahr in Hamburg bei dem Seminar "Frieden lernen". Gestern stellte die "Wir sind Helden"-Sängerin eine CD vor, auf der sie ausgerechnet auf Chinesisch singt. Wie passt das politisch zusammen?
"Ich war nicht sofort von der Idee begeistert", gibt die Sängerin zu. Schließlich ruft die Frontfrau seit Jahren ihre Fans dazu auf, die Tibeter in ihrem Kampf um die Unabhängigkeit von China zu unterstützen. Auf ihren Konzerten werden "Free Tibet"-Flyer verteilt. Gemeinsam mit "Amnesty International" protestiert die Musikerin mit ihren Bandkollegen gegen die Unterdrückung der chinesischen Regierung und für ein freies Tibet.
Bei der CD-Präsentation von "Poptastic Conversation China" klang der Aktivisten-Ton jetzt kleinlauter: "Wir haben wegen unseres Tibet-Engagements lange nachgedacht, aber entschieden, gerade in dieser heißen Phase in der Musikszene Chinas mitzumischen", so Holofernes. Ihr Songtitel "Kaputt", den sie für die Compilation ausgewählt und auf Chinesisch gesungen hat, soll als kleine Spitze dienen. "Die Ärzte", die für das Projekt ihr Lied "Junge" auswählten, hatten dagegen "unbedingt eine Tibet-Anspielung" gewollt. Farin Urlaub textete eine Zeile um, singt auf Chinesisch: "Mit dem Fahrrad nach Tibet!"
Insgesamt 19 deutschsprachige und chinesische Bands haben für die vom Goethe-Institut mitgeförderte CD in der jeweils anderen Sprache gesungen. Auch "Tele" und die Hamburger Band "Die Sterne" sind mit von der Partie. "Die Musik trägt auf kurzweilige und charmante Art zum interkulturellen Austausch zwischen Bands aus dem deutsch- und chinesischsprachigen Raum bei", erklärt Projektinitiator George Lindt.
Am Freitag, eine Woche vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking, kommt der Sampler in die Läden. Mit dazu gehört ein 150 Seiten starkes, zweisprachiges Buch sowie eine zweite CD, auf der sich zwei Mini-Sprachkurse Chinesisch und Deutsch finden.
Die gesangliche Exkursion nach Fernost brachte jedem Künstler seine eigene Erfahrung. "Teilweise muss man Sachen singen, die klingen, als würde man jemanden verkloppen", so Holofernes. Bei "Sterne"-Sänger Frank Spilker musste eine chinesische Freundin als Testhörerin herhalten. "Sie sagte, sie hätte etwas verstanden." Das Vertiefen der chinesischen Sprache steht bei ihm allerdings nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Spilker: "Bei mir zu Hause auf St. Pauli ist es wohl nützlicher, Türkisch zu lernen."