Die Musikwelt ist sich derzeit mal wieder einig: Tocotronic ist die beste Band Deutschlands, ihr neuntes Werk "Schall und Wahn" schon jetzt Anwärter auf das Album des Jahres. Pünktlich zur CD-Veröffentlichung am Freitag stellten die ehemaligen "Hamburger Schüler" die neuen Songs erstmals dem Live-Publikum vor. Und klar: Das Uebel & Gefährlich war seit Wochen ausverkauft, die Erwartungen entsprechend hoch.
Düstere Mönch-Choräle bestimmen ihr Konzertintro. Ein Abgesang an die heile Welt? Das erschließt sich wohl nur jenen, die ihr neues Album wie üblich schon bis ins Detail seziert haben. Mit dem Stück "Eure Liebe tötet mich" eröffnen Tocotronic. Die Gitarren schrammeln, das Schlagzeug bollert, zwei Fans in der ersten Reihe hüpfen, der Rest des Publikums freut sich nach innen. Auch "Ein leiser Hauch von Terror", Tocotronics Lied "über sich selbst", wie Sänger Dirk von Lowtzow (38) es anmoderiert, vermag die Resonanz nicht zu verbessern.
Vielleicht liegt es daran, dass "Schall und Wahn" noch nicht in Fleisch und Blut übergehen konnte. Übliche Gradmesser für ein Konzerterlebnis greifen bei Tocotronic nicht: Zu wenig berührt ihr Treiben auf der Bühne, eine euphorisch machende Energie transportiert sich gar nicht erst, auch in Sachen Entertainment hält sich das Quartett gewohnt zurück. So löst sich ihr Schall und Wahn über weite Strecken in Langeweile auf.
Bis mit "Let There Be Rock" doch noch ein Feuer zu lodern beginnt. Zu Ehren des Gastgebers, der Popkulturbibel "Spex", die hier ihren 30. Geburtstag feiert, spielt die Band den viele Jahre aus ihrem Live-Set verbannten Debüt-Song "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit". Schließlich sei die "Spex" vor 15 Jahren das erste Magazin gewesen, das ihnen einen Bericht gewidmet hätte, gratuliert von Lowtzow auch seiner Band. Ihr Abgang endet mit irritierendem Rumgejamme. Und der Einsicht, dass man Tocotronic wohl besser allein und für sich hören sollte.