Der Knut-Faktor wirkt: Auch der Tierpark Hagenbeck will mit Eisbärenbabys Kasse machen. Derzeit fristet nur die alte Eisbärin Fanny (29) ihr Dasein in dem maroden, 100 Jahre alten Gehege. Sobald die Finanzierung geklärt ist, soll daraus eine "Polarwelt" werden, damit wieder Eisbären gezüchtet werden dürfen. Tierschützer laufen Sturm, fordern das Ende der Zoohaltung von Eisbären.
Hamburgs oberste Tierschützerin Gabriele Waniorek-Goerke, Chefin des Tierschutzvereins: "Ich befürworte die Eisbärenhaltung in Zoos nicht. Die Zoos haben in der Regel viel zu viele Eisbären, so dass der Zoonachwuchs kaum noch in anderen Zoos untergebracht werden kann. Was das in der Wirklichkeit bedeutet, mag man sich gar nicht vorstellen."
Auch Wolfgang Apel, Vorsitzender des Deutschen Tierschutzbundes findet deutliche Worte: "Die Eisbären, die in das neue Hagenbeck-Gehege ziehen sollen, tun mir jetzt schon leid. Eisbären gehören nicht in Gefangenschaft." Zootierexperte Frank Albrecht von der Tierrechts-Organisation Peta stellt fest: "Es gibt keine artgerechte Gefangenschaftshaltung für Eisbären, das haben zahlreiche Studien belegt." Diplom-Biologe Thomas Pietsch von der Tierschutz-Organisation Vier Pfoten: "Die Zoohaltung von Eisbären dient vor allem der Steigerung der Einnahmen auf Kosten der Tiere."
Denn: Die hochspezialisierten Jäger durchstreifen in der Arktis Reviere, die so groß sein können wie Italien. Die Einzelgänger leiden deshalb extrem unter engen Gehegen. Eine Dissertation der Uni Karlsruhe ergab im Jahr 2006, dass von 33 untersuchten deutschen Zoo-Eisbären 95 Prozent (!) Verhaltensstörungen zeigten. So viel wie bei keiner anderen Tierart.
Der US-Zooverband empfiehlt für die Haltung von ein bis zwei Eisbären eine Landfläche von 1600 Quadratmetern plus Pool. Die Eisbären-Anlage bei Hagenbeck hat nach Berechnungen von Peta eine Grundfläche von knapp 100 Quadratmetern.
Die Tierparkleitung selbst weiß angeblich nicht, wie viel Platz die alte Fanny hat: "Unser derzeitiges Eisbären-Gehege ist nicht vermessen", so Sprecherin Tanja Königshagen. Die Kritik der Tierschützer versteht sie nicht: "Wie kommen Sie auf die Idee, dass die artgerechte Eisbärenhaltung sehr schwierig sei? Hagenbeck hält und züchtet seit hundert Jahren sehr erfolgreich Eisbären."
Laut Zuchtbuch kamen in Hagenbeck seit 1985 sechs Eisbärenbabys zur Welt. Die Hälfte starb. Kein Sonderfall: "Untersuchungen zeigen, dass Eisbären von allen Raubtieren in Zoos die höchste Jungensterblichkeit aufweisen", so Hanno Würbel, Professor für Tierschutz und Ethologie an der Uni Gießen.
Hagenbeck bleibt unbeeindruckt. Sprecherin Königshagen: "Spätestens seit Knut kann keine Rede davon sein, dass die Eisbärenhaltung nicht gewünscht ist; dazu haben die Medien beigetragen."