Er gilt als einer der spektakulärsten Mordfälle der US-Kriminalgeschichte: Im Januar 1947 fand man in Los Angeles die bestialisch zugerichtete Leiche des Starlets Betty Short, das vergeblich von einer Hollywood-Karriere geträumt hatte - der Körper war in zwei Teile getrennt, der Mund bis an die Ohren zu einer grinsenden Clownsfratze aufgeschlitzt. Jahre später wurde das bis heute unaufgeklärte Verbrechen zur Obsession für den Schriftsteller James Ellroy, dessen eigene Mutter 1958 ebenfalls von einem Unbekannten brutal umgebracht worden war. Ellroy verbiss sich in die Archive und verband die Fakten zu Bettys blutigem Schicksal mit einer fiktiven Geschichte über zwei ermittelnde Cops: Sein knallharter Krimi "Die schwarze Dahlie" begründete 1987 seinen internationalen Ruhm.
Der Bestseller war der erste von vier Ellroy-Romanen über Los Angeles - der dritte, "L.A. Confidential", wurde 1997 von Curtis Hanson erfolgreich mit Russell Crowe und Kevin Spacey verfilmt. Nun hat Regisseur Brian De Palma Hand an "Die schwarze Dahlie" gelegt: Der Hitchcock-Schüler, der mit "Scarface", "The Untouchables" und "Carlito's Way" bereits meisterhafte Polizeithriller vorgelegt hatte, erkannte in Ellroys Krimi einige Lieblingsmotive seiner eigenen Filme wieder: Besessenheit, Voyeurismus, Gewaltexzesse, Doppelgänger und Femmes fatales.
Wie Ellroys Vorlage taucht auch die Leinwand-Adaption in die Albträume der Traumfabrik ein, in einen Sumpf aus fiesen Filmproduzenten, skrupellosen Staatsmännern, gewalttätigen Gangstern und korrupten Cops. Keiner sagt hier die Wahrheit, jeder hat ein finsteres Geheimnis. Im Mittelpunkt: die beiden Polizisten und Ex-Boxer Lee Blanchard (Aaron Eckhart) und Bucky Bleichert (Josh Hartnett), die mit dem grausigen Mordfall Betty Short betraut werden. Im Zuge der Ermittlungen vernachlässigt Lee seine Freundin Kay (Scarlett Johansson), die daraufhin Lees Partner Bucky schöne Augen macht. Der wiederum fühlt sich zu der rätselhaften Madeleine (Hilary Swank) hingezogen: Sie sieht der Ermordeten nicht nur verblüffend ähnlich, sondern hatte offenbar auch ein Verhältnis mit ihr ...
Als Bucky spielt Josh Hartnett ("Pearl Harbor") tapfer gegen sein Milchbubi-Image an und flüchtet sich dabei vorwiegend in düsteres Stirnrunzeln á la Bogart. Aaron Eckhart ("Thank You For Smoking") macht in der Rolle seines hitzköpfigen Partners Lee die bessere Figur. Die sonst so großartige Hilary Swank, zweifach Oscar-prämiert für "Boys Don't Cry" und "Million Dollar Baby", wirkt als Femme fatale eher angestrengt und fehlbesetzt. Scarlett Johansson ("Match Point"), dank ihrer rauchigen Leinwand-Präsenz derzeit wohl die fatalste aller Film-Frauen, ist dagegen mit dem lasziven Hausmütterchen Kay fast ein wenig unterfordert - doch schon allein ihre Auftritte machen den Film sehenswert.
Mag sein, dass sich die verworrene Geschichte mit ihren zahlreichen Nebenhandlungen bisweilen im Nebel der wunderschön gefilmten Nikotinschwaden verliert - und dass der Film nur an der Oberfläche des vielschichtigen Romans kratzt. Doch diese Oberfläche könnte kaum brillanter sein: De Palma schwelgt in opulenter Ausstattung und exzellent komponierten Bildern, überspielt mit stilistischer Perfektion mühelos erzählerische Schwächen und öffnet immer wieder seine Trickkiste mit virtuosen Parallel-Montagen, Zeitlupenaufnahmen und Kamerafahrten - darunter eine sensationelle Zehn-Minuten-Kranfahrt über einen Häuserblock hinweg, die eine wüste Schießerei mit der Entdeckung von Bettys Leiche verbindet. So reicht der Film zwar nicht an das Meisterwerk "L.A. Confidential" heran, aber immerhin verhilft De Palma damit der "Schwarzen Dahlie" zu glanzvoller Leinwand-Blüte.