Das Ende ist nahe. Mal wieder. Eigentlich sollte es 1914 schon so weit sein. Und 1925. Und 1975. Dass es kommt, steht aber für jeden Zeugen Jehovas fest. Nur wann, da wollen sie sich jetzt nicht mehr festlegen. "Bald", so heißt es nur noch. Angst davor? Im Gegenteil. Sie freuen sich. Denn wenn Jehova kommt und aus den Trümmern dieser Welt das Reich Gottes auf Erden gründet, dann bleiben sie ja übrig. Weil sie immer brav das taten, was er befohlen hatte.
Zeugen Jehovas. Das sind die, die im Anzug an der Straßenecke stehen, ihr "Wachtturm"-Blättchen vor der Brust. 14000 von ihnen aus ganz Norddeutschland trafen sich von Freitag bis Sonntag in der HSH Nordbank Arena. "Älteste" verlasen Bibeltexte und die Masse hörte wie gebannt zu. Stundenlang. Zwischendurch nahmen in einem Plastik-Swimmingpool 85 Personen - der Jüngste zwölf, der Älteste 67 - öffentlich ein Bad. Die Taufe! Nun gehören auch sie zu den Erleuchteten.
Zeugen Jehovas sind bieder gekleidet: Schlips und Kragen, die Frauen gerne in langen Kleidern. Und bieder im Denken sind sie auch: Sex vor der Ehe? Nicht erlaubt. "Missbrauch der Zeugungsfähigkeit", nennt Jörn Puttkammer, der Sprecher, das. Scheidung? Praktisch undenkbar!
Dass hinter so viel "Moral" etwas ganz Gefährliches steckt - darauf macht die Hamburgerin Margit Rolf (55) aufmerksam, die sich das ganze Wochenende über provokativ vor dem Eingang des Stadions aufbaute und für ihren Aussteiger-Stammtisch warb. Auffallend: Jeder, der an ihr vorbeiging, machte einen großen Bogen, warf höchstens mal verschämt aus dem Augenwinkel einen Blick zu ihr.
",Abtrünnige` wie ich werden schwer bestraft. Mit Missachtung", sagte sie. "Und das ist auch der Grund, weshalb ich hier stehe. Da sind sehr viele, die gern rauswollen, aber Angst haben, ihre ganzen sozialen Kontakt zu verlieren. Indem ich sage, es gibt den Stammtisch, zeige ich, dass sie nicht allein sind."
Für Margit Rolf, die 15 Jahre dabei war, sind die Zeugen Jehovas eine verfassungsfeindliche Organisation. "Weil für die nur ihre angeblich göttlichen Gesetze gelten und weil sie den Staat für Teufelswerk halten." Die so genannten Ältesten würden Mitglieder regelrecht bespitzeln, um sicherzustellen, dass alles seine "Ordnung" habe. "Fällt einer vom Glauben ab, wird seinem Ehepartner nicht selten nahegelegt, sich von ihm zu trennen."
Und dann wartete Margit Rolf mit einem noch viel schlimmeren Vorwurf auf. Kindesmissbrauch unter Sektenmitgliedern sei mehrfach vertuscht worden! "Ich weiß von Fällen, da haben Älteste den Opfern befohlen, die Tat nicht zur Anzeige zu bringen."
Wieder drin im Stadion, hörte sich das anders an: Alles nur Verleumdungen! Zum Beweis, wie freudlich es zugeht bei den Zeugen Jehovas, musste Niklas herhalten: elf Jahre, Anzug, Krawatte. Ob er nicht lieber Playstation spielen würde, statt stundenlang Bibeltexten zuzuhören, so Puttkammers Suggestivfrage. "Nein, ich finde das ganz interessant hier", sagt er brav und erzählt, dass er es jüngst in einem Bibelkreis geschafft habe, sich innerhalb von einer Stunde zwölf Mal zu melden und auch drangenommen zu werden. Jehova zu gefallen, das sei das Schönste.
"Na, sehen Sie", sagte Puttkammer, "wir zwingen niemanden. Und wohl um endgültig jede weitere kritische Frage abzuwürgen, wartete er dann noch mit einem Mann auf, der wie zufällig im Presseraum bereitsaß: Richard Rudolf, mit 97 der älteste Teilnehmer des Kongresses. 19 Jahre hatte der - erst unter Hitler, dann in der DDR - wegen seines Glaubens in KZ und Knästen gesessen. Schlimm. Schlimm aber auch, dass Puttkammer versuchte, die Kritiker von heute und die Nazis auf eine Stufe zu stellen. Mit Blick auf Margit Rolf draußen vor der Arena sagte er: "Wir sollten doch endlich aus unserer Geschichte lernen."