BERLIN/HAMBURG Sie nennen sich "Landser", "Zillertaler Türkenjäger", "Sturmgewehr" oder "Stahlgewitter". Ihre Texte strotzen vor Hass. Hass auf alles Fremde, alles "Undeutsche" - vor allem auf Juden. "Macht sie nieder, die Herzlbrut. Hängt ihn an den Galgen, den ewigen Jud", heißt es etwa in dem Song "Arische Jugend". Das ist nichts anderes als ein Aufruf zum Mord.
Nicht immer sind die Texte so eindeutig. Aber deshalb nicht minder gefährlich. Denn: Neonazis nutzen verstärkt die Musik, um Anhänger zu gewinnen und mit Nazi-Ideologie zu infiltrieren. Im neuen Verfassungsschutzbericht, der gestern von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble vorgelegt wurde, wird auf diesen besorgniserregenden Trend ausdrücklich hingewiesen: Der sogenannte Rechtsrock gelte als Einstiegsdroge, als Tor, durch das Jugendliche in die rechte Szene gelockt werden.
Wie keine andere rechte Gruppierung setzt die NPD auf die Propagandawirkung der Musik. In Wahlkämpfen verteilen Neonazis sogenannte "Schulhof-CDs" vor Schulen und Jugendzentren. Die Partei macht gar keinen Hehl daraus, welchem Zweck all das dient. Thorsten Heise etwa, ein führender NPD-Funktionär, sagte: "Musik ist unsere Waffe, gefährlicher als Panzer und Granaten."
Zahlen belegen, dass Rechtsrock beim Publikum ankommt: Dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sind 146 Rechtsrock-Gruppen und 26 Liedermacher bekannt. Nazi-Rockkonzerte gab es 138. Oder vielleicht noch viel mehr?
Um sich Polizei und linke Gegendemonstranten vom Hals zu halten, gehen die Veranstalter (in Norddeutschland ist es vor allem der bekannte Neonazi Torben Klebe) äußerst konspirativ vor. Erst wenige Stunden vor Beginn werden die potenziellen Besucher über Mailing-Listen oder SMS darüber informiert, wo die Party überhaupt steigt. In Hamburg ist die rechte Szene dazu übergegangen, Vereinshäuser von Kleingartenvereinen für Konzerte anzumieten - meist sind die Schrebergärtner völlig ahnungslos.
Der Vertrieb von Neonazi-Musik ist zudem ein Riesengeschäft mit mehreren Millionen Euro Umsatz. Die Zahl rechtsextremistischer Vertriebe wird von Verfassungsschützern auf 100 geschätzt. Torben Klebe betreibt zum Beispiel in Rostock den Laden "East Coast Corner" (ECC), wo er CDs verkauft. Den größten Umsatz aber machen inzwischen Internetshops, deren Zahl jährlich wächst. Die Erlöse dienen dazu, andere rechte Aktivitäten zu finanzieren.
Auch kostenlos kann sich jeder mit Hassliedern versorgen. Das Internet-Videoportal YouTube ist seit Monaten im Gerede, weil dort volksverhetzende Songs als Videoclips en masse abrufbar sind. Gestern hat die MOPO selbst nachgesehen: Von der Rechtsrock-Band "Stahlgewitter" waren 59 Videos zu finden, von der Gruppe "Kraftschlag" immerhin 29. Per Doppelklick ertönen mit einem Mal Texte wie dieser: "Jude, dich verkennt man nicht. Du solltest besser fliehen. Denn in Deutschland weiß jedes Kind, dass Juden nur zum Heizen sind."