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Mit Elfriede Jelinek für Börsensünden büßen

Köln - Am Ende applaudierte das Haus einer Perücke. Stellvertretend für die bekanntermaßen öffentlichkeitsscheue Elfriede Jelinek hatte Regisseur Nicolas Stemann die Haarpracht über einen Mikrofonständer gehängt.

Alle wirkten befreit: Stemann, die Schauspieler und vor allem das Publikum - oder jedenfalls was davon übrig geblieben war. Nicht alle hatten genug Durchhaltevermögen, um die dreieinhalb Stunden währende Uraufführung des neuen Jelinek-Stücks zur Finanzkrise bis zum Ende auszusitzen. Aber wer es schaffte, war zufrieden - mit dem Stück und vor allem mit sich selbst.

Das Kölner Premierenpublikum war vorgewarnt. In einem Interview der «StadtRevue» hatte Stemann verkündet, er sei von der österreichischen Nobelpreisträgerin ja einiges gewöhnt, aber «eine vergleichbare Penetranz habe selbst ich bei Jelinek noch nie erlebt. Sechzigseitige Monologe, die thematisch und von der Sprechhaltung immer auf den gleichen Punkt weisen - Redundanz als Sprachfolter.»

Zu Beginn der Aufführung erging die eindeutige Ansage, das Ganze könne sich schlimmstenfalls vier Stunden hinziehen, und eine Pause sei nicht vorgesehen. Verhaltenes Stöhnen im Saale. Zum Trost zeigte Stemann auf eine elektronische Anzeigetafel, die in großen Leuchtzahlen von Seite 99 an runterzählte - bei 0 würde man es geschafft haben. Außerdem blieben die Saaltüren geöffnet; man durfte sich etwas zu trinken holen wie im Kino. Das Kölner Schauspielhaus wird demnächst abgerissen, da kommt es auf ein paar Flecken nicht an.

Jelinek schrieb «Die Kontrakte des Kaufmanns» im vergangenen August noch vor Bankenpleiten und Börsencrash; ihre Vorlage waren zwei Skandale österreichischer Banken. «Wir haben das um einige Seiten gekürzt, aber sie hat dann wieder was dazu geschrieben», klagte Stemann. Man kann sich fragen, ob der Jelineksche Wortschwall überhaupt aufführbar ist. Im Grunde hat sie kein Drama verfasst, sondern eine Polemik. Und obwohl es als «Wirtschaftskomödie» ausgewiesen ist - richtig lustig wird es nicht. «Was hat Ihr Geld in der Karibik erreicht? Einen Weltrekord im Kraulen!» Das ist zumindest noch komischer als: «Guthaben, die wir nicht mehr haben. Nicht gut.»

Ins Grübeln kommt man auch nicht. Dass die Banker Betrüger sind und wir anderen gierige Kleinanleger - so what? Das wissen wir doch längst. So ließ das Publikum die lamentierende Jelinek über sich ergehen, als wäre es eine Büßerübung für begangene Börsensünden.

Nach 90 Minuten machte sich erstmals stärkere Bewegung im Zuschauerraum bemerkbar. Zunächst musste man noch ein bisschen mutig sein, um sich ein Bier zu holen - es gab einige missbilligende Blicke, aber als es dann irgendwann sogar den Kölner Kulturdezernenten Georg Quander nicht mehr auf seinem Stuhl hielt, war der Damm gebrochen. Finanzkrise hin oder her, die Theaterbar machte an diesem Abend gute Umsätze.

Die muntere Schauspielertruppe tat ihr Bestes, um das Publikum am Einschlafen zu hindern. Eisenstangen knallten auf die Bühne, Luftballons wurden zerstochen, und schließlich kletterte das Ensemble sogar über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Ganz ehrlich, man kann es schaffen bis zum Ende.

Hinterher standen gemischte Salatteller und Spießchen bereit - nicht billig, aber wie eine Zuschauerin sehr richtig sagte: «Das haben wir uns jetzt verdient!»

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Datum:  17.4.2009
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