Während Hamburg über das "Marat"-Stück und das Verlesen der Millionärs-Liste im Schauspielhaus diskutiert (MOPO berichtete), kommt das Thalia Theater mit einer leisen Art der Gesellschaftskritik: Ödön von Horvàths "Kasimir und Karoline", 80 Jahre alt und doch höchst aktuell. Zur Premiere gab's ein "Buh" und viele "Bravos".
Das Stück spielt nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Inzwischen gibt's wieder eine Finanzkrise - manchmal wird das Theater von der Realität überholt. Und auch mit ihrer "Schuld sind die Umstände"-Mentalität haben die Figuren Ähnlichkeit mit manchen Zeitgenossen.
Kasimir, arbeitsloser Chauffeur, geht mit seiner Karoline zum Oktoberfest. Und während sie den Zeppelin bestaunt, sieht er dort oben "20 Wirtschaftskapitäne, und hier unten hungern Millionen". Karoline wendet sich ab und dem Schürzinger zu. Kasimir tröstet sich mit Autoknacker Franz und dessen Freundin Erna. Was die Figuren eint, ist Leere: Sie sind tatenlos, gefühlsarm, ohne Zukunft. Menschen, die dumpf dasitzen und verzweifeln wollen, aber nur Grimassen schneiden.
Stephan Kimmigs Inszenierung bezieht ihre Kraft aus der Ruhe, aus Momenten, in denen nichts geschieht, und aus der Intensität der Schauspieler - allen voran Susanne Wolff als "aufgepolstertes" Dummchen Erna und Paula Dombrowski als naive Karoline. Dafür gibt's ein "Bravo" - ein leises.