Ein nicht mehr ganz so "junger Wilder" inszeniert am Thalia eine alte Geschichte und beschert dem deutschen "Theater des Jahres" einen würdigen Saisonstart: Nicolas Stemann (38) nahm sich gleich zwei Stücke vor - "Iphigenie auf Aulis" von Euripides und "Iphigenie auf Tauris" von Goethe. Die Kombi lief unter dem schlichten Titel "Iphigenie" und ging auf.
Agamemnon (göttlich: Alexander Simon) erzählt von seinem Dilemma: Krieg muss der Grieche führen gegen Troja, doch nun hängt er in einer Flaute auf Aulis fest. Allein der Opfertod seiner Tochter Iphigenie soll frischen Wind bringen. Stemann zeigt, wann Menschen bereit sind, das Leben anderer einzusetzen. Zwar bejammert Agamemnon als Vater den Mord an seiner Tochter, doch für den Kriegsherrn steht fest: Iphigenie muss sterben!
Öffentliches kontra privates Interesse - Agamemnon kontra Klytaimestra (Natali Seelig). Iphigenies Mutter kämpft wie eine Furie um das Leben ihrer Tochter. Iphigenie (Lisa Hagmeister) selbst bittet nur kurz um ihr Leben, dann steigert sie sich in die Verherrlichung ihres Todes hinein: Sie wird sterben, aber wie ein Popstar zur Legende werden.
Nach der Pause dann Goethe. Stemann nutzt dessen Stück als Kommentar zum ersten. Iphigenie sitzt alt geworden auf Tauris. Katharina Matz spielt sie nun. Lisa Hagmeister ist Erinnerung - wie Klytaimestra, die als Schatten hinter ihrem Sohn und Mörder Orest (Andreas Döhler) herschleicht. Agamemnon ist nun Thoas, König der Taurier, der den Kreis mit den Worten schließt: "Was ich damals verkehrt gemacht, das mach ich jetzt wieder gut."
Hier erwischt einen mit Wucht die alte Erkenntnis: Vergangenheit wirkt in die Gegenwart hinein - Traumata von Krieg und Gewalt setzen sich in Generationen fort. Stemann macht Theater, das uns angeht und angreift.
Thalia Theater, 29.9. & 4.10., 20 Uhr, 30.9., 19 Uhr, 6,50-44 Euro, Tel. 32 81 44 44