Wenn einer Filmproduktion der Hauptdarsteller abhandenkommt und daraufhin auch der Regisseur durch die Hintertür verschwindet, so liegen die Folgen auf der Hand: miese Laune, Kostenexplosion, Verschiebung der Fertigstellung. Das alles muss im Theater nicht sein, wie sich nun im Thalia bei der Inszenierung des Hamburger Filmklassikers "Große Freiheit Nr. 7" zeigt.
Auf der Probebühne hat es geknallt, der Streit entzündete sich am Skript von Cornelia Rainer. Fünf Wochen vor der Premiere schieden die junge Regisseurin und Sven-Eric Bechtolf, der die Hauptrolle des Hannes Kröger übernehmen sollte, aus dem Stück aus. Die Produktion, ein Scherbenhaufen?
"Ein neuer Anfang", sagt Luk Perceval. Der Leitende Regisseur des Thalia ist eingesprungen und verspürt eine frische Brise auf der Probebühne: "Ich habe aus der Ferne mitbekommen, dass es Probleme gab, und angeboten, das Schiff zu übernehmen. Man konnte nicht alle Darsteller mit der Pistole auf der Brust zwingen, das zu Ende zu führen." Denn Freudlosigkeit, weiß Perceval, "braucht eine solche Produktion genauso wenig wie Zahnschmerzen."
Nun hat der 52-Jährige eine neue Textfassung geschrieben und die Partitur geändert. Dass alles anscheinend so mühelos vonstattengeht, liegt vielleicht an seiner eigenen Biografie: "Ich kenne das Milieu sehr gut. In unserer Familie sind wir alle Wasserzigeuner. Und in meinen ersten vier Jahren haben meine Eltern eine Schifferkneipe gehabt. Das große Thema ist, wie der Mensch seinen Hafen sucht und findet - oder eben nicht findet."
Im "Hippodrom" auf dem Kiez muss sich Hannes Kröger (nun gespielt von Matthias Leja) entscheiden: Ob er endlich sesshaft wird oder der Sehnsucht nachgibt, auf den Weltmeeren unterwegs zu sein. Ein Historienstück wird es aber nicht werden: "Theater ist kein Museum. Den Film kann sich jeder auf DVD anschauen. Mich interessiert: Was würden die Figuren heute in Zeiten der Containerschifffahrt in der Großen Freiheit repräsentieren?"
Natürlich gibt es die Gassenhauer "La Paloma" und "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" - aber das Musiktheaterstück ist nicht dazu da, eine romantisierte Welt vorzuspielen, die es längst nicht mehr gibt: "Es ist ein Bild von der unerträglichen Leichtigkeit des Alltags."
Thalia Theater: 23., 24., 29.4., 5., 8., 13., 16.5., 8-60 Euro, Tel. 32 81 44 44